THE PEACE SYNDROME
Auftragswerk
in deutscher, englischer und hebräischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Gastspiel des Monats 2
30.10.2011 STUDIO
FAMILIENBANDE – קשרי משפחה
Partnerschaft zwischen dem Teatron Beit Lessin (Tel Aviv) und dem Theater & Orchester Heidelberg gefördert im Fonds Wanderlust der Kulturstiftung des Bundes
„Man kann es The Peace Syndrome nennen, ich nenne es eine Sisyphos-Arbeit“, berichtet Regisseur Torge Kübler aus dem Rechercheprozess. Ein klassisches Drama ereignet sich hier und heute im Heiligen Land: Deutsche kommen, um Gutes zu tun. Lernen das Land, die Probleme kennen, und engagieren sich voll Eifer, Energie und Enthusiasmus. Irgendwann merken sie, dass sie mit ihrem Tun nur den Status Quo aufrechterhalten, Teil eines zynischen Spiels geworden sind: Musikinstrumente aus Deutschland helfen palästinensischen Kindern, in eine glückliche Zukunft zu sehen, die sie nie haben werden. Und plötzlich wird klar, nicht die Situation hat man verändert, sondern sich selbst.“
Es ist wie ein Virus. Deutsche reisen nach Israel und in die palästinensischen Gebiete, um Gutes zu tun. Sie leisten Freiwilligendienste in Kindergärten, Krankenhäusern und Gedenkstätten. Sie stellen internationale Kulturprojekte auf die Beine, engagieren sich für den Dialog, arbeiten in Vereinen, Stiftungen oder Nichtregierungsorganisationen. Einige bleiben nur ein paar Wochen, viele ein ganzes Jahr – und manch einer kommt vom „Heiligen Land“ gar nicht mehr los, findet Arbeit oder Liebe und wird vom Besucher zum Bewohner.
Das Rechercheprojekt The Peace Syndrome ist Schlusspunkt der Theaterpartnerschaft „Familienbande“ zwischen dem Tel Aviver Teatron Beit Lessin und dem Theater & Orchester Heidelberg, die insgesamt sechs gemeinsame Theaterarbeiten israelischer und deutscher Künstler umfasst und im Januar 2010 mit dem Dokumentartheater They call me Jeckisch eröffnet wurde. Erneut hat ein Ensemble aus deutschen und israelischen Schauspielern zusammen geforscht, diesmal nach der Faszination und den Widersprüchlichkeiten des Engagements in einer der komplexesten Krisenregionen der Welt.
Regisseur Torge Kübler hat mit seinem Team Menschen getroffen, die Hilfe leisten oder eine Schuld sühnen wollen. In zahlreichen Interviews wurden ihre persönlichen Geschichten gesammelt, Erfahrungsberichte unterschiedlichster Helfer und Idealisten, die fern der Heimat ihren Zivildienst in einem Kibbutz leisten, in einem Altersheim für Holocaust-Überlebende arbeiten, in Schulen in Ramallah Musikunterricht geben, in Flüchtlingslagern Theater spielen oder Demonstrationen gegen die Sperrmauer zwischen Israel und dem Westjordanland organisieren. Basierend auf den Recherchen ist in einer fünfwöchigen Probenzeit in Heidelberg ein Theaterabend entstanden, der von dem israelischen Bildenden Künstler Harel Luz ausgestattet und zur Eröffnung des „Heidelberger Stückemarkts“ uraufgeführt wurde.
Zum Abschluss der Kooperation stehen selbstkritische Fragen: Was fasziniert Deutsche so an Israel und Palästina? Wie verhalten sich junge Deutsche der vierten Generation in Nahost zu ihrer Vergangenheit und wie zum Konflikt? Und wie empfinden die Gastgeber den deutschen Schuldkomplex und das Engagement für den Frieden?
The Peace Syndrome bietet keine Antworten, keine Lösungen, sondern persönliche Geschichten. Das Thema ist komplex; schon die Recherchen waren schwierig. Die israelische Regierung untersagt Juden aus Sicherheitsgründen die Fahrt in palästinensische Städte. Palästinenser aus der Westbank nehmen an grenzüberschreitenden Kulturprojekten aus Prinzip nicht teil. So bleiben Geschichten von jungen Deutschen, die sich auf beiden Seiten des Konflikts bewegen, vergleichbar einer Safari.
In einem rasanten Wechsel von Sprachen, Sprechern und Positionen ist ein unterhaltsamer wie nachdenklicher Abend entstanden. Der fragmentarische Charakter des Abends, die vielen Temperatur- und Haltungswechsel lassen die Vielschichtigkeit der Erfahrung junger Deutscher in einer Region der extremen Widersprüche erlebbar werden. Im Anschluss an die Vorstellung bieten die Darsteller an mit dem Publikum über dessen Eindrücke und Reaktionen zu sprechen und ihre Erfahrungen aus einem Land zu teilen, in dem nichts nicht politisch ist.
Gewidmet ist der Abend Juliano Mer-Khamis, dem palästinensisch-israelischen Theaterleiter, der während der Probenzeit vor dem Freedom Theatre in Jenin ermordet wurde.
REGIE Torge Kübler RAUM Harel Luz DRAMATURGIE Jan Linders, Julia Reichert
















