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Badisches Tagblatt, 22.10.2012

[...] Auch in Karlsruhe hält sich der 1982 geborene Regisseur an sein Konzept, Text, Musik und Ton zu eindringlichen Collagen zu verbinden - und wieder einmal sind es die Probleme junger Menschen an der Schwelle des Erwachsenenlebens, die er eingebunden in einen Bühnenklassiker seziert und interpretiert.

In der "Möwe" geht es auch und in erster Linie um die Kunst, denn: "ohne Theater geht nichts, aber wir brauchen neue Formen", sind sich die beiden Kostjas einig. Gockel zeigt den aufbegehrenden erfolglosen Dichter als gespaltene Persönlichkeit, die an sich selbst zerbrechen muss, und besetzt sie exzellent mit Thomas Halle und Matthias Lamp. [...]
Das Leben dümpelt am Swimmingpool dahin, statt einer Möwe taucht immer wieder ein großes grünes Gummikrokodil auf, und jeder stellt sich so gut - oder vielmehr böse - bloß, wie es nur geht. Das Bloßstellen ist übrigens durchaus wörtlich zu nehmen, denn die Hüllen fallen bis auf knappe Bikinis, und am Schluss darf Nina auch den blanken Busen präsentieren - die Bloßstellung nehmen die Damen souverän hin.
Über dem Geplansche und Gefummel der ersten beiden Akte könnte man fast vergessen, worum es Tschechow geht: Die Suche nach Neuem, der eigenen Identität, die Sehnsucht nach Erfolg und Liebe, das Zerbrechen der Hoffnungen, die entsetzliche Tristesse der Durchschnittlichkeit. Nach der Pause gelingt das auf fast wundersame Weise, wenn der mittlerweile doch noch bekannt gewordene Kostja sich der einen Hälfte seines gespaltenen Ichs durch einen Schuss entledigt, nachdem der erste Selbstmordversuch ebenso kläglich scheiterte wie der Rest seiner Unternehmungen.
Bleibt die "Möwe": Mit blutverschmiertem Gefieder, in dem sich Mutter und Sohn/Söhne des öfteren ausgiebig wälzen, liegt sie tot am Boden, um in Gestalt Ninas ihre desillusionierte Auferstehung zu feiern: Sophia Löffler agiert einfach wunderbar als vom Schicksal und Trigorin misshandelte Idealistin, die an ihrer Liebe festhält und vielleicht doch noch eine große Schauspielerin wird. Sophia Löffler zeigt in Karlsruhe, dass sie das Zeug dazu hat.

Schön zickig und selbstverliebt kommt Ute Baggerföhr als Schauspielerin Irina daher, angebetet von der herrlich ordinären Polina (Lisa Schlegel), die aber auch berührend herzlich sein kann, wenn es um ihr an sich selbst verzweifelndes Problemkind Mascha geht. Cornelia Gröschel gelingt ebenfalls eine große Leistung vom Grunge-Kid bis zur selbstzerstörerischen Lehrersfrau, die Mann und Kind verachtet. Dass Polina einfach nur schlecht wird, wenn sie ihren Göttergatten Ilja (Klaus Cofalka-Adami) am Pool werkeln sieht, ist nur zu verständlich - er wäre eine Idealbesetzung am "Ballermann". In ihren eigenen Unglückswelten gefangen agieren Ronald Funke als Erfolgsschriftsteller und André Wagner als Arzt, Sonderapplaus erhält Kurt Meyer als alter Gutsbesitzer, der mit 81 Jahren endlich mal leben möchte.
Julia Kurzweg hat ein wirklich grandioses Bühnenbild geschaffen - eine grausige Ferienlandschaft mit viel Plastik, ein dreigeschossiges "Puppenhaus" für die "feine Gesellschaft", dessen Wände sich um die Akteure schließen, und einen miefigen Wohnwagen für die Familie des Gutsverwalters. Sophie du Vinage steckt die Akteure - sofern sie keine Badebekleidung tragen - in Kostüme voller Witz und Zitate. Wichtiges Accessoire: Gummistiefel.

Matthias Grübel nutzt Filmmusiken, bekannte Songs und elektronische Untermalungen zu gekonnten Klangcollagen, Joachim Grüssinger (Lichtregie) und Tobias Schuster (Dramaturgie) tun das ihre zum Gelingen eindringlicher Bilder. Die "Möwe" wäre ganz großes Theater, vor allem wegen der von Angela Schanelec großartig übersetzten Texte, wäre da nicht das Übermaß an nassforscher Klamotte, das zwar ausgiebige Lacher erzeugt, aber den verzweifelten Schrei der "Möwe" oft übertönt.

Badische Neueste Nachrichten, Michael Hübl, 22.10.2012

Bereits der Anfang ist ein Witz. Ein bitterer Witz, todernst, wie sich ganz am Ende herausstellt. „Warum gehen sie eigentlich immer in Schwarz?“ lautet der erste Satz in Anton Tschechows Komödie „Die Möwe“. Das ist wortwörtlich schwarzer Humor. Denn es herrscht hochsommerliche Gluthitze. [...]
Auch Cornelia Gröschel, die jetzt am Badischen Staatstheater die Mascha spielt, trägt Schwarz. Aber es ist ein leichtes, halbdurchsichtiges Top, das ihren Körper umflattert. Und schon ist aus einem hintersinnigen Witz ein bloßer Fakt geworden.
[...]
Die intelligenten Verknüpfungen und vielschichtigen Andeutungen, mit denen Tschechow „Die Möwe“ ausgestattet hat, sind offensichtlich Gockels Sache nicht. Im Original zieht der Arzt Dorn den Literaten Trigorin am Schluss beiseite und eröffnet ihm wie beiläufig, dass sich soeben Konstantin erschossen hat, Sohn der Moskauer Star-Schauspielerin Irina Arkadina, die den glamourösen Mittelpunkt der ländlichen Gesellschaft bildet. Vorhang. Das ist die späte, bittere Pointe des ersten Satzes: Mascha trägt Trauer, bevor sich Konstantin das Leben genommen hat. Eben jener Konstantin, den sie liebt, dessen Liebe jedoch auf Nina fixiert ist, die allerdings Trigorin verfallen ist, dem Liebhaber Irinas ….
[...]
Die Mixtur aus Langeweile und Larmoyanz, aus neurotischen Nichtigkeiten und quälender Erotik, die bei Tschechow den Ton angibt, wird in der Karlsruher Inszenierung auf XXL getrimmt. Das fängt schon damit an, dass Klaus Cofalka-Adami, noch bevor das erste Wort gesprochen wird, frei nach dem Motto „Wer hat den Längsten?“ ausgiebig mit einem schweren Schlauch hantiert und einen Pool mit Wasser füllt, der im Laufe des Abends noch Anlass für allerlei Planschereien bietet. Gelbe Gummistiefel, ein Military-Dress und ähnliche Zutaten markieren Cofalka-Adami als Ultra-Proll, und spätestens bei einer großen Koffer-Slapstick-Nummer zeigt sich, dass hier der Figur des Gutsverwalters der letzte Rest an menschlicher Mehrdimensionalität ausgetrieben werden soll. Wenig Spielraum bleibt da auch für Lisa Schlegel, die als Frau des Verwalters auf die Rolle einer schrillen Schlampe reduziert wird, oder für Michel Brandt, dem der Part des Semjon Medwedenko zufiel. Sicher, dieser Junglehrer, von dem sich Mascha mehr aus Resignation denn aus Zuneigung ehelichen ließ, ist schon bei Tschechow ein Weichei, aber immerhin eines mit Verantwortungsbewusstsein. In Karlsruhe darf er nur lächerlich sein.

Fragt einer: Wo ist Sorin? Gestrichen. Dafür gibt es einen siechen alten Mann, bettlägerig dargestellt von Kurt Meyer, der ein paar isolierte Sätze Sorins sprechen darf. Dafür wurde Konstantin verdoppelt, aufgeteilt auf Thomas Halle und Matthias Lamp, obwohl beide darstellerisch so stark sind, dass jeder allein die innere Zerrissenheit des Jungautors bestens ’rübergebracht hätte. Überhaupt gibt es eindrucksvolle schauspielerische Auftritte in dem mehrstöckigen Bühnenambiente von Julia Kurzweg, sei es von André Wagner als besonnen illusionslosem Mediziner Dorn, sei es von Ronald Funke als abgründigem Spießer Trigorin, von Cornelia Gröschel als zäher und zorniger Mascha oder von Sophia Löffler, die nicht nur wenn sie singt (Musik: Matthias Grübel), wunderbar differenzierte Töne anschlägt. [...] Aber was macht das bei einer Inszenierung, die aus der „Möwe“ eine aufgeplusterte Attrappe macht. Großzügiger Applaus bei der Premiere.

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