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Badische Neueste Nachrichten, 22.01.2014

Zwischen Notärztin Fatima Al-Sharif (Rashidah Aljunied vom Theater Pforzheim) und Rentner Walter Koslowski (Klaus Cofalka-Adami aus dem Karlsruher Ensemble) bricht ein interkultureller Konflikt auf. Die beiden prallen aufeinander, die Fassade bricht ein wenig auf und plötzlich entwickelt sich ansatzweise so etwas wie Verständnis für den anderen: Al-Sharif, die darunter leidet, immer auf ihre Herkunft reduziert zu werden und Koslowski, ein einsamer, frustrierter und traumatisierter Frührentner. (...)

Nach seiner Premiere in Pforzheim hatte das Projekt „Fremdraumpflege“ – eine Kooperation zwischen dem Theater Pforzheim und dem Staatstheater Karlsruhe – nun auch in der Fächerstadt Premiere. 28 Zuschauer haben sich im schmucken Wohnzimmer der Gülers in Mühlburg versammelt, sitzen auf Sofas, Stühlen und Bänken, trinken Tee, Saft und Wasser, knabbern Börek, Baklava und andere Köstlichkeiten. „Fremdraumpflege“ wirkt ein wenig wie ein Katalysator – man kommt ins Gespräch. „Theater in einem Wohnzimmer, das hat mich neugierig gemacht“, erzählt eine Frau. Und eine andere: „Wie beleidigend das ist, dauernd gefragt zu werden wo man herkommt und weshalb man nicht dortgeblieben ist, das ist einem gar nicht so klar.“ „Man denkt da ja gar nicht drüber nach wie verletzend das sein kann“, erzählt ein älterer Mann und fügt hinzu: „Allein schon eine solche Frage nach der wirklichen Herkunft, dabei ist das doch völlig unerheblich.“

(...) Regisseur und Autor Tugsal Mogul (...) hat, auch in Fremdraumpflege ein realitätsnahes Szenario entwickelt: Koslowski nörgelt über den Trubel und die Schuhe im Treppenhaus, will wissen, was denn da für eine Aufführung stattfinden solle bei den Gülers, kommt ins Reden, schwärmt von Clint Eastwood als Westernikone, erleidet einen Beinahe- Hirnschlag und wird von Notärztin Al-Sharif versorgt. Mogul spielt dabei mit den Ähnlichkeiten zwischen Rentner Koslowski und Eastwoods Walter Kowalski in „Gran Torino“.

(...) „Fremdraumpflege“ sollte man sich nicht entgehen lassen.

Badisches Tagblatt, Ute Bauermeister, 21.01.2014

Etwa 20 Besucher haben die Karlsruher Premiere an einem ungewöhnlichen Spielort erlebt. Man stand ein bisschen im Flur und plauderte, trank Tee, ließ sich dann im Wohnzimmer nieder und kam sofort mit den unmittelbaren Sitznachbarn ins Gespräch. Der Übergang zum Stück gestaltete sich fließend. Realität und Spiel vermischten sich.

(...) In dem etwa 50 Minuten dauernden Stück begegnen sich zwei Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. Die Ärztin Fatima wird zu einem Notfallpatienten gerufen. Rashidah Aljunied gehört zum Pforzheimer Schauspielensemble und verkörperte sehr überzeugend die resolute Ärztin, deren Geduldsfaden schließlich riss, als der hartnäckige Patient seine bohrenden Fragen stellte. Der Moment, in dem sie laut wurde und sich ihren Frust von der Seele schrie, ging unter die Haut.

(...) Klaus Cofalka-Adami vom Karlsruher Schauspielensemble spielte den Patienten mit einer konzentrierten Freude am Provozieren, aber auch belustigt, aufmüpfig immer in die Runde blickend. Er schaffte es tatsächlich, mit jedem im Raum Blickkontakt herzustellen und jeden gewissermaßen anzustupsen. Das Wohnzimmer wurde Begegnungsstätte, Theater bot Anlass fürs Gespräch.

(...) Alle blieben und sprachen miteinander (...). Ein Glücksfall für die Theaterszene, eine Bereicherung. Großes Lob gebührt der Gastfamilie für den warmen und herzlichen Empfang. Bravo! Bleibt nur ein Fazit: unbedingt hingehen und miterleben.

Badische Neueste Nachrichten, Andreas Jüttner, 24.12.2013

Das Theater ist an diesem Abend ein Wohnzimmer. Herein geht’s nicht durchs Foyer, sondern durchs Treppenhaus, wo man auch die Schuhe stehen lässt und in Schlappen schlüpft. Zwar kontrolliert Produktionsleiterin Susanne Berthold an der Wohnungstür die Karten, aber danach wirkt alles wie ein Abend bei Freunden auf dem Sofa mit Tee und Gebäck. Nur: Gastgeber und Gäste sowie die Gäste untereinander sind sich (noch) fremd.

„Fremdraumpflege“ heißt das Projekt, das Pforzheims scheidender Schauspieldirektor Murat Yeginer in Kooperation mit dem Staatstheater Karlsruhe entwickelt hat. ... Hier nun wird eine besondere Situation geschaffen: Man begegnet als Theatergänger dem privaten Umfeld fremder Menschen und sieht zusammen mit ihnen die Geschichte einer solchen Begegnung.

Diese Geschichte wird auch den Gastgebern selbst an diesem Abend zum ersten Mal gezeigt: Die bislang angesetzten Aufführungen in Pforzheim und Karlsruhe finden in immer anderen Wohnungen statt. Gefunden wurden die Gastgeber über die Arlinger Baugenossenschaft in Pforzheim und die Volkswohnung in Karlsruhe. „Wir wollen dabei auch die Gastfreundschaft anderer Kulturkreise vermitteln“, sagt Yeginer.

Das gelingt erfolgreich: Am Premierenabend fühlt man sich im Wohnzimmer der Familie Özemre rundum willkommen, und auch nach dem Schlussapplaus bleibt die zusammengewürfelte Runde zusammen sitzen – der anschließende Plausch nimmt fast mehr Zeit ein als die 50 Minuten der Aufführung. Deren „Geschichte“ besteht darin, dass ein Nachbar namens Walter Koslowski (Klaus Cofalka-Adami aus dem Karlsruher Ensemble) sich zuerst über den Trubel im Treppenhaus beschweren will, dann aber aus Neugier (und wohl auch Einsamkeit) den letzten freien Platz besetzt, drauflosplaudert, einen Beinahe-Schlaganfall erleidet und daraufhin eine Untersuchung durch die Notärztin Fatima Al-Sharif (Rashidah Aljunied vom Theater Pforzheim) über sich ergehen lassen muss.

.... So ist die Aufführung trotz der starken Darstellerleistungen eher ein Aufwärmen zum nachfolgenden Beisammensein – das aber löst dann tatsächlich das Versprechen einer Begegnung ein.

Pforzheimer Zeitung, Sven Scherz-Schade, 24.12.2013

Mit einem pfiffigen Schauspielprojekt, bei dem Stücke in Privatwohnungen aufgeführt werden, wollen das Theater Pforzheim und das Badische Staatstheater Karlsruhe neues Publikum gewinnen ...

Ganz bewusst will das Theaterprojekt „Fremdraumpflege“ kein Massenpublikum erreichen, sondern Zuschauer, die nur selten oder nie ins Theater gehen. Das jedenfalls ist der Wunsch von Murat Yeginer und Jan Linders, den beiden Schauspiel-Chefs der Bühnen in Pforzheim und Karlsruhe. Denn, schenkt man der Kulturstatistik Glauben, so haben nur wenige Familien mit so genanntem Migrationshintergrund einen Zugang zu den „hochkulturellen“ Theaterbetrieben von Stadt und Land.

Wenn’s irgendwie geht, wollen die Theatermacher das gerne ändern. Dafür haben sie die Unterstützung vom Kulturamt Pforzheim sowie vom Landes-Kunstministerium. Auch die Volkswohnung und die Arlinger Baugenossenschaft war tatkräftig beim Organisieren dabei und hat Mieter ihrer Liegenschaften angefragt, ob sie sich vorstellen könnten, Gastgeber für eine Aufführung zu sein? Die Özemres hatten sofort zugesagt. Weil sie „Theater mögen“ und neugierig waren. Von dieser Neugier ist im Stück „Begegnung“ auch die Figur des Nachbarn, Walter Koslowski, getrieben. Ohne sich dies einzugestehen, lebt er völlig vereinsamt und nutzt (an seinem Geburtstag) die Gelegenheit des Wohnzimmertheaters, mal mit anderen aus dem Haus Kontakt aufzunehmen. Schauspieler Klaus Cofalka-Adami gibt den Nachbarn im textsicheren, realistischen Spiel. Tiefsinnig ist ein längerer Monolog über Koslowskis DVD-Sammlung mit Clint-Eastwood-Filmen.

Denn im winzigen „Theaterraum“ wird hier die vermeintlich große, weite Welt des Kinos beschworen. Zum anderen ruft Koslowskis Erinnerung an den US-Film „Gran Torino“ den Themenkomplex des 50-minütigen Theaterstücks auf: Vorurteile und Rassismus, Heldentum und Außenseiterdasein, Vereinsamung und das Sich-nicht-erklären-können. Tugsal Mogul, der auch die Regie führte, hat mit „Begegnung“ ein großartiges Theaterstück geschrieben. Der Nachbar erleidet einen Schwächeanfall und gerät mit der gerufenen Notärztin Dr. Al-Sharif (gespielt von Rashidah Aljunied) in Konflikt. Die in Hessen geborene Notärztin hat es nämlich mehr als satt, auch in den schlimmsten Erste-Hilfe-Situationen nach ihrem Migrationshintergrund gefragt zu werden. Die Dialoge sind hervorragend gestaltet. Sie offenbaren wie nebenbei zahlreiche gesellschaftliche Tatsachen. Und an keiner Stelle verfällt die Handlung in ein plattes Gut oder Böse von Integrationsstreben hier und Fremdenfeindlichkeit dort. So einfach ist es ja auch in Wirklichkeit nicht. Und schon gar nicht bei den Özemres im Wohnzimmer.

Fragt man zwischen leckerem Börek und wärmendem Schwarztee Frau Özemre, ob sie denn Theatergängerin sei, hört man das, was eigentlich alle – mit oder ohne Migrationshintergrund – sagen: Sie habe leider so wenig Zeit, sei früher gerne gegangen und wolle jetzt aber wieder öfter gehen.

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