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Badische Neueste Nachrichten, 19.04.2014

Katharina Gerickes Stück „Maienschlager“, das 1996 den Heidelberger Stückemarkt gewann und jetzt am Badischen Staatstheater Karlsruhe Premiere hatte, erzählt von einer lebensgefährlichen Liebe: Mark Warweser und Jakob Glücksleben, zwei 16-Jährige, wollen ein Paar sein – in der NS-Zeit, in der Homosexuelle verfolgt, interniert und ermordet wurden. Mehr noch: Mark ist in der Hitler-Jugend, Jakob ist Jude. Doch in erster Linie sind sie zwei Jugendliche, die ihre erste Liebe erleben. „Sein Körper sagt mir etwas, was nur ich verstehe, und mein Körper sagt ihm etwas, was nur er versteht“, erklärt es Jakob seinen Eltern. Die (Anziehungs-) Kraft der Körper ist eines der Leitmotive in diesem Stück, das der soldatisch-athletischen Gleichschaltung der NS-Ideologie (am Anfang unterweist Mark einen HJ-Pimpf im zackigen Grüßen) das individuelle Begehren entgegensetzt. Dieser Körperlichkeit wird die Inszenierung des gebürtigen Karlsruhers Stefan Otteni mit viel Feingefühl gerecht – vor allem dank der vom Premierenpublikum vehement gefeierten jungen Hauptdarsteller.
Michel Brandt vermittelt als Mark Warweser mit jedem Blick, mit jeder Körperhaltung die Suche eines jungen Menschen nach seiner Identität – ob er den Pimpf anbrüllt und den Arm hochreißt, ob er unbeholfen an der für ihn bestimmten Krista (Florentine Krafft) herumtatscht, ob er mit seinem Freund Peter Hundt (Luis Quintana) Zukunftspläne schmiedet – oder mit Blick auf Jakob fassungslos fragt: „Was ist mit uns?“ Johannes Schumacher (derzeit noch an der Schauspielschule Hannover, ab nächster Saison fest im Ensemble) gibt Jakob, den der hormonelle Sturm-und-Drang-Schub nicht ganz so unvorbereitet überfällt, eine Mischung aus Selbstsicherheit und Vorsicht. Das zurückhaltende Abtasten ihrer ersten Gespräche, das langsame Annähern, das Ringen mit der überraschten Scheu vor dem eigenen Begehren spielen Brandt und Schumacher mit eindrucksvoller Natürlichkeit.

... Einen Hauch des Horrors jener Zeit vermitteln – neben der unerbittlich näherrückenden Wand im Bühnenbild von Peter Scior – André Wagner als Widerständler, der nur knapp den Folterschergen entwischt, und Joanna Kitzl als Kellnerin Sonja, deren Mann von der Gestapo verschleppt wurde. Am stärksten aber wirkt die Regiezutat einer akustischen Irritation: Den „Soundtrack“ liefern Chorversionen von Nazi-Stücken wie dem „Horst-Wessel-Lied“ (Arrangements: Tobias Flick), vom Ensemble so zart und innig gesungen, dass erahnbar wird, wie mörderisch die Ideologien hinter verlogenen Idyllen sein können. Langer Applaus.

Nachtkritik, 18.04.2014

In einer Zeit, in der im Land Baden-Württemberg 192.000 Petenten ernsthaft fordern, dass der Diskurs über sexuelle Vielfalt keinen Niederschlag in Bildungsplänen finden soll, bekommt Gerickes historisierender und darin nicht immer überzeugender Ansatz eine beklemmende Aktualität. Am Staatstheater Karlsruhe hat jetzt Stefan Otteni den schönen, poetischen Stoff stimmig und atmosphärisch dicht inszeniert und dafür eine zeitlos starke Formensprache gefunden, die das Stück trotz aller geschichtlichen Detailtreue ganz nah an moderne Erfahrungswelten heranrückt. Allerdings klammert er sich zu stark an Gerickes streckenweise sehr blauäugig konstruierten Plot, der sich im Spinnennetz der Utopie verheddert. Dann werden die griffigen Bilder, die er mit dem Ensemble für die Gewalt der Nazis findet, von Abziehbildchenkitsch wie aus dem Geschichtsbuch überdeckt. ...
Klug legt der junge Schauspieler Michel Brandt seine schwierige Rolle an. Den Weg vom überzeugten Nazi zur homosexuellen Liebe vollzieht er überzeugend nach. Mit Johannes Schumacher als Jakob Glücksleben, der als Jude immer mehr gebrandmarkt und gedemütigt wird, gelingen ihm wundervolle Momente der Liebe. Brutale erotische Männerphantasien von einem zertrümmerten Schädel vermittelt Brandt ebenso überzeugend wie den ersten Kuss. Wie Schumacher die Identitätskrise des heranwachsenden Juden auf den Punkt bringt, ist bemerkenswert.

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