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BNN, Andreas Jüttner, 23.03.2015

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Bergmanns 13-köpfiges Ensemble spielt schlichtweg fulminant: Wie bei einer Jazzcombo steht jeder mal solistisch im Scheinwerferlicht, zugleich sind aber alle am Gesamtsound beteiligt. Dass dabei auf der Bühne mitunter mehr passiert, als man wahrnehmen kann, wirkt nicht chaotisch, sondern präzise orchestriert. Zumal jeder nicht nur seine Rolle spielt, sondern im Aktionsgeflecht die anderen mit charakterisiert.

Wobei die Einzelleistungen auch für sich stark sind. Joanna Kitzl etwa spielt die unglücklich verheiratete Mascha nicht wie oft üblich als arme Unterdrückte, sondern als lebenslustiges Luder, und Oberstleutnant Werschinin (Jannek Petri als cooler Salonlöwe) ist für sie keine verwandte Seele, sondern der einzige scharfe Typ im Dorf. Unter den großartigen Auftritten von Thomas Halle als Andrej ragt heraus, wie er mit souveräner Saunanacktheit jenen Moment markiert, ab dem das einst solideste Familienmitglied sich gehen lässt. Sophia Löffler ist zum Ohrfeigen überzeugend als Andrejs herzlose und machtbesessene Frau Natascha. Und das einstige Ensemble-Mitglied Cornelia Gröschel lässt hinter Irinas Zartheit eine schnippische Arroganz aufblitzen, die klar macht, dass auch die Jüngste im Bunde, die von einem sinnvollen Leben voller Arbeit schwadroniert, nur um sich selbst kreist.

Zwar erfüllt die Inszenierung ihr und allen anderen Figuren jenen Traum, den sie bei Tschechow so sehnsüchtig wie vergeblich träumen, nämlich aus der trüben Gegenwart in die glänzende Vergangenheit zurückzureisen. Doch zugleich zerstört sie die Illusion, alles hätte irgendwie besser laufen können, hätte man sich irgendwann irgendwie anders entschieden: Beim ekstatischen Tanz am Ende frieren alle genau in der Position ein, in der sie den letzten Akt eröffnet haben – das Scheitern, das diese Figuren so gern auf den Zufall, das Schicksal oder ihre unleidigen Mitmenschen schieben, ist in ihnen selbst angelegt. Auch durch diesen Bogenschlag zum Anfang lässt sich resümieren: eine durchweg runde Sache.

 

Nachtkritik.de, Georg Patzer, 21.03.2015

Das passiert aber auch selten: Dass Baron Tusenbach gleich am Anfang des Stücks erschossen wird, das Blut strömt ihm über die weiße Hemdenbrust, sein Duellgegner küsst ihn zum Abschied, und Mascha sagt: "Wir sind allein zurückgeblieben, ... Wir müssen leben, leben....", Olga resigniert, Irina will arbeiten gehen. Und im nächsten Akt ist der Baron wieder quicklebendig und sagt zu Mascha: "Wenn es mir doch erlaubt wäre, mein Leben für sie hinzugeben."
Am Anfang ist alles starr und eisig weiß. Eingefroren, wie stockende Automaten stehen die drei Schwestern und ihre Gäste in der Gegend herum, tragen ihre Reden vor, zucken zusammen, wenn man sie anspricht. Aber es ist schon das Ende, dieser Anfang. Die Beziehungen sind längst festgefahren, und nach dem Abzug der Soldaten wird alles nur noch öder als es eh schon ist.
Und dann ist nicht nur der Baron wieder am Leben, sondern alle werden immer lebendiger. Bis zum Schluss, der eigentlich der Anfang ist: Eine Dauerparty, Maschas Namenstag, an dem der neue Kommandant Werschinin in die Stadt kommt und seinen Antrittsbesuch bei den drei Schwestern macht und sich natürlich sofort an eine von ihnen heranmacht. Ein fescher Mann ist das, noch nicht zu alt, mit Kaugummi und Sonnenbrille. Er kommt aus Moskau! Auch Natascha erscheint und Andrej macht ihr einen Heiratsantrag.
Am Badischen Staatstheater hat Regisseurin Anna Bergmann Tschechows Stück "Drei Schwestern", diese bittere, tragische Komödie, umgedreht, von hinten inszeniert, den 4. Akt an den Anfang gesetzt, unterkühlte, statuenhafte Tableaus gebildet. Hat Tschechows dritten Akt angeschlossen, in dem es in der Stadt brennt und Andrej gesteht, dass er alles Geld verspielt hat, dann den zweiten, in dem Mascha ihre Affäre mit Werschinin beginnt und Andrej in der Verwaltung arbeitet, dann den ersten, in dem Andrej noch Professor werden will. ...
Die Psychologie ist in Bergmanns Inszenierung reduzierter als es in Tschechow-Inszenierungen oft üblich ist, vieles ist aber angedeutet. ... Starke Auftritte haben natürlich die drei Hauptrollenschwestern, allen voran Ute Baggeröhr als frustrierte Lehrerin und manchmal mütterliche Olga, die den Krampf ihres Lebens sehr passend spielt. Aber auch Klaus Cofalka-Adami als oft betrunkener Arzt, der aus Unwissen einmal eine Patientin umgebracht hat, und Sophia Löffler als hinterhältig intrigante Natascha hinterlassen starke Bilder.

Lesen Sie die ganze Kritik hier.

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