Zur mobilen Version Suche Suche

Navigation einblenden

DIE WALKÜRE

DPA, Martin Roeber, 12.12.2016

Da öffnen sich die Türen einer Zimmerflucht für immer neue Auftritte, Schattenspiele und Videos. Der zentrale Konflikt zwischen Göttervater Wotan und seiner auf die Unverbrüchlichkeit der Ehe pochende Gattin Fricka findet auf einer scheinbar endlosen Rolltreppe statt. Sharons "Walküre" bietet oberflächliches Augenfutter, hat aber auch Sinn für die psychischen Abgründe der so menschlichen Götter.

Einen umwerfenden optischen Höhepunkt bietet der Auftakt des dritten Aktes: der populäre, auch als Filmmusik rauf und runter gespielte "Walkürenritt". In Karlsruhe findet die Jagd von Wotans Amazonen im Winter statt. Sie landen an Fallschirmen im dichten Schneegestöber auf dem Walkürenfelsen. Als Video-Projektion in Breitwand und Farbe erlebt man den Angriff einer weiblichen Gebirgsjägereinheit. (Video: Jason H. Thompson/Bühne: Sebastian Hannak) . . .

Die US-amerikanische Sopranistin Heidi Melton singt eine brillante Brünnhilde. Kein Wunder, dass sie auch in Bayreuth und New York gerngesehener Gast ist. Das Badische Staatstheater ist in der glücklichen Lage, alle anderen Rollen mit Solisten aus dem eigenen Haus zu besetzen. Katherine Broderick (Sieglinde), Ewa Wolak (Fricka), Renatus Meszar (Wotan) und Avtandil Kaspeli (Hunding) - alle singen auf höchstem Niveau.

Musikalischer "Chef im Ring" ist aber eindeutig Dirigent Justin Brown. Er hat sich zu Recht den Ruf eines führenden Wagner-Dirigenten erarbeitet. Zusammen mit seiner Badischen Staatskapelle bietet er einen "Ring" aus einem Guss. Die Soli der Holzbläser mit ihren dunklen Wagner-Farben erklingen delikat. Streicher und Blechbläser sorgen für die satte Grundierung und für immer kultivierte Fortissimo-Ausbrüche, ohne die Solisten zuzudecken.

Rhein-Neckar-Zeitung, Matthias Roth, 14.12.2016

Wenn die acht kreischenden Weiber an Gleitfallschirmen vom Himmel segeln, in ihren orangefarbenen Anoraks und mit großen Skibrillen, vorbei an Berggipfeln und Gletschern und schließlich auf einer Eisscholle landen, im Schneegestöber, und dazu der martialische "Walkürenritt" aus dem Graben tönt - dann ist richtig großes Kino im Staatstheater Karlsruhe. Und auch große Oper. Da sitzt man im Sessel und hat Gänsehaut, staunend ob dieser gekonnten Kombination aus Video (Jason H. Thompson) und Bühnengeschehen (Bühne: Sebastian Hannak; Kostüme: Sarah Rolke), der plötzlich gleißenden Helle und dem weiten, schier unendlichen Horizont des ewigen Eises . . .

Entscheidend . . . sind die Darsteller und die musikalisch ungemein fesselnde Wagner-Sicht des Karlsruher GMD Justin Brown, der die Badische Staatskapelle mit ebensolcher Wucht und Emphase aufspielen lässt, wie er sie in den ersten beiden Akten oder beim letzten großen Dialog von Brünnhilde und Wotan vor dem Feuerzauber auch kammermusikalisch inspiriert und psychologisch feinnervig musizieren lässt: Man hat das deutliche Gefühl, dass nicht nur die Musiker, die tatsächlich auf der Bühne spielen müssen oder via Video in die Szene projiziert werden, sondern auch alle anderen Beteiligten ganz genau wissen, was in jeder Sekunde auf der Bühne vor sich geht. Das ergibt einen sehr engen Kontakt zwischen Bühne und Graben und einen nie ermüdenden Wagner-Strom von höchster Sogwirkung.

Heidi Miltons großartige Brünnhilde verliert bis in die letzte Szene hinein nichts an sängerischer Intensität und ist dabei auch dynamisch flexibel, wird auch im Forte nie scharf und ist vor allem auch gut zu verstehen. Ebenso Ewa Wolaks Fricka, die bestens artikuliert und ihren Gemahl zielsicher in die Knie zwingt.

Renatus Meszar als Wotan, der hier bereits "das Ende" herbeisehnt, ist als Loser auf der ganzen Linie gezeichnet, kann aber als Darsteller und Sänger durchaus punkten. Vor allem in der Schlussszene, wo er Brünnhilde zwar in einen Eisblock verwandelt, ihr aber seine ganze Liebe schenkt und das Weltall entzündet, um sie zu bewahren für den, der "freier ist als der Gott", der sie bestraft . . .

Der neue Merker, Alexander Walther, 12.12.2016

Der kalifornische Regisseur Yuval Sharon bietet für seine Inszenierung von Richard Wagners grandiosem ersten Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“, nämlich „Die Walküre“, ein überzeugendes multimediales Konzept. Man erinnert sich sofort an Hollywood, wo Wagner sicher Karriere gemacht hätte. In zahlreichen spannenden Video-Sequenzen von Jason H. Thompson wird im ersten Akt die seltsame Welt von Henrik Ibsens „Gespenstern“ heraufbeschworen . . . Am Ende des ersten Aktes sieht man Siegmund und Sieglinde im Liebesrausch in den Wäldern davonspringen. Ein szenischer Einfall, der in wunderbarer Weise zur Musik passt.
Im zweiten Aufzug ist es eine riesige Rolltreppe vor goldenem Hintergrund, die das Auge sofort gefangen nimmt. Hier streiten sich Wotan und Fricka, der Ehestreit führt schließlich zu einem lebhaften Dialog von Brünnhilde und Wotan, der in die Rolle des Ödipus gedrängt wird. In riesigen Video-Aufnahmen sieht man die Gesichter der Protagonisten bis hin zu Erda – es ist eine sehr gelungene Beschwörung des Unterbewusstseins . . .

Im dritten Akt befinden wir uns schließlich in der faszinierenden Höhe von Berggipfeln, die gleichsam von den Walküren überflogen werden. Blitze zucken und lösen einen elektrisierenden Strom aus. Das sind großartige Bilder, die sich tief einprägen . . .

Die Menschlichkeit der Sieglinde wird auch durch die hervorragende Sopranistin Katherine Broderick betont. Sie ist der Katalysator für viele Ereignisse in diesem bedeutenden Werk . . .

Die Badische Staatskapelle musiziert unter der anfeuernden Leitung von Justin Brown in aufwühlend-erregender Weise. Dies zeigt sich schon bei den wilden Ostinato-Passagen des anfänglichen Gewittersturms. Dieses Sturmmotiv nimmt Brown sehr rasch, atemlos, fast hektisch. Unwirsch ist der polternde Rhythmus von Siegmunds Rivalen Hunding, das dreimalige Ertönen des Wälsungen-Motivs arbeitet Justin Brown mit der Badischen Staatskapelle facettenreich heraus. Das Sieglinden-Motiv erscheint umso geheimnisvoller. Diesen grandios-ekstatischen Liebesgesang gestalten sowohl Katherine Broderick wie auch Peter Wedd als Sieglinde und Siegmund mit leidenschaftlicher Emphase, die die endlosen Kantilenen berücksichtigen. Renatus Meszar ist ein imposanter Wotan, dessen stimmliche Fülle aber noch an Volumen gewinnen kann. Heidi Meltons Brünnhilde beeindruckt mit großer vokaler Wucht, aber auch berührenden Zwischentönen. Dies zeigt sich vor allem in ihrem großen Dialog mit Wotan im dritten Akt. Avtandil Kaspeli bietet einen robust-furchterregenden Hunding. Ewa Wollak ist eine hervorragende Fricka, die sich mit ihrem Ehemann Wotan einen heftigen Schlagabtausch liefert. Ausgezeichnet sind die Walküren Helmwige, Gerhilde, Ortlinde, Waltraute, Siegrune, Rossweiße, Grimgerde und Schwertleite mit Barbara Dobrzanska, Christina Niessen, Ina Schlingensiepen, Katherine Tier, Dilara Bastar, Tiny Peters, Kristina Stanek und Ariana Lucas besetzt . . .

Die zeitliche Betrachtung des Regisseurs Yuval Sharon beleuchtet die umfangreichen Zeitepochen der Protagonisten hier sehr intensiv. Dem tragen auch die farbigen Kostüme von Sarah Rolke Rechnung. Justin Brown gelingt es als Dirigent, gleich zu Beginn die vielen Beziehungsfäden des komplizierten thematischen Materials miteinander zu verknüpfen . . .
Auch die Todverkündigungsszene zwischen Siegmund und Brünnhilde besitzt bei dieser Inszenierung eine beklemmend-erschütternde Größe, deren Schauer nicht nachlassen. Peter Wedd und Heidi Melton erreichen hier einen darstellerischen Gipfelpunkt . . .

Einhellige Ovationen gab es bei dieser Premiere für das gesamte Team. Auf die weiteren Folgen dieses „Ring“-Zyklus‘ mit vier verschiedenen Regisseuren darf man sehr gespannt sein . . .

Rheinpfalz, Frank Pommer, 13.12.2016

Der neue Karlsruher „Ring“ ist mit der „Walküre“, die am Sonntag Premiere hatte, zur Hälfte geschmiedet. Für die Inszenierung war dieses Mal der Amerikaner Yuval Sharon zuständig, da man am Badischen Staatstheater ja auf vier verschiedene Regisseure für die Tetralogie setzt. Ihm gelangen eindrucksvolle, bildmächtige Momente, die zudem getragen wurden von einer ganz außergewöhnlichen musikalischen Umsetzung durch die Badische Staatskapelle unter der Leitung von Generalmusikdirektor Justin Brown . . .

Ganz auf Überwältigung und Emotionsentfesselung setzt Justin Brown am Pult der Staatskapelle. Das Orchester animiert er zu einem satten, volltönenden, dennoch ausdifferenzierten Wagnerklang der Luxusklasse. Gänsehautmomente sind da keine Seltenheit . . .
Renatus Meszar prägt durch seine Bühnenpräsenz diese Produktion ganz entscheidend . . .

Badische Zeitung,, 14.12.2016

Die musikalische Leitung des gesamten Rings liegt bei Generalmusikdirektor Justin Brown, der den Kammerspielcharakter, den die "Walküre" über weite Strecken besitzt, ernst nimmt. So leise und intim hat man die Musik von Richard Wagner selten gehört. Natürlich entfesselt Brown zu Beginn des zweiten Aufzugs oder im Walkürenritt des Dritten auch die Orchesterkräfte (nur ganz am Ende schwächeln die Hörner) und bedient das Pathos. Aber nie müssen die Solisten forcieren, um gehört zu werden. Die Balance ist hervorragend . . . Ein geradezu bildhafter Einstieg in einen Musiktheaterabend, der Musik und Szene eng zusammenführt und über weite Strecken einen Zauber entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann . . .

Viele von Jason H. Thompsons Videoprojektionen wie die erblühenden Bäume bei "Winterstürme wichen dem Wonnemond" treffen die musikalische Atmosphäre genau. Und wenn der Regisseur nach Hundings Aufforderung, den Schlaftrunk zuzubereiten, drei Orchestermitglieder in den Türen platziert und so die Melodielinien von Klarinette, Englischhorn und Oboe sichtbar macht, umarmen sich Musik und Szene. Es gibt Schatten, die wie Albträume erscheinen oder auch die Handlung vorwegnehmen: Die Schattenbilder von Sieglinde und Siegmund bewegen sich aufeinander zu, während die Körper noch verharren . . .

Auch Katherine Broderick berührt als Sieglinde mit großer Legatokultur und feinen klangfarblichen Abstufungen. Die dramatischen Passagen nimmt sie mühelos und klar in der Phrasierung. Da ist Avtandil Kaspelis Hunding aus anderem Holz geschnitzt. Ein mächtiger, schwarzer Bass, der ein wenig schmeichelhaftes Porträt des dominanten Ehemannes zeichnet. Wotan ist in der Interpretation von Renatus Meszar lyrischer angelegt. Im zweiten Aufzug steht er auf einer Rolltreppe und lässt sich von seiner Gattin Fricka (großartig mit dunkler Tiefe: Ewa Wolak) die Leviten lesen. Meszar teilt sich die Partie gut ein und zeigt am Ende auch Wotans weiche Seite, als er seine von ihm verstoßene Lieblingstochter Walküre in einen Eis-Sarkophag einfriert und den Abschied bedauert.
Heidi Meltons Brünnhilde entwickelt sich vom tapsigen Mädchen zur reifen, selbstbewussten Frau. Auch die bayreutherfahrene Sopranistin überdreht nie in der hochdramatischen Partie, sondern setzt auf große Linien und einen klaren Fokus . . .
Yuval Sharon lässt der Musik den Raum, die sie braucht. Und zeigt gerade in der vielschichtigen Vater-Tochter-Beziehung zwischen Wotan und Brünnhilde eine subtile Personenregie . .

BNN, Isabel Steppeler, 13.12.2016

Justin Brown und die Badische Staatskapelle bieten eine extrem farbenreiche und ausgewogene musikalische Interpretation . .

Stars des Abends sind Justin Brown, das Orchester und eine herausragende Ewa Wolak als Fricka. Der Generalmusikdirektor zeigt einmal mehr sein großartiges Gespür, Wagners tiefgründige Partitur gekonnt zu durchleuchten und er findet diesmal die perfekte Balance zwischen Kraft, die den Gesang niemals überflutet, und zarter Farbigkeit. Wolak gibt ihrer Fricka mit großem dramatischem Volumen und glühendem Timbre Inbrunst und Kompromisslosigkeit . . . Ein absolut überzeugendes Debüt am Staatstheater gibt Katherine Broderick als Sieglinde mit ihrem voluminösen, beweglichen und farbigen Sopran.

 

SWR 2 Kulturthema, Lotte Thaler, 12.12.2016

Yuval Sharon ist vor allem ein heldenhafter Entrümpler. Der ganze Ballast, der sich in sogenannten "neuen Deutungen" auf vielen Wagnerbühnen angesammelt hat, ist in Karlsruhe ausgeräumt . . . Er greift zu einem ganz naheliegenden Mittel, nämlich die vielen verbalen Erzählungen in der "Walküre" mit Videos, Schattenrissen, Licht und Farbe in eine genuine Bildsprache zu übersetzen. Wagner pur also. So pur, dass im ersten Akt sogar drei Holzbläser kurz auf der Bühne auftreten, während der Solo-Cellist einmal per Video beobachtet wird. Insgesamt werden Justin Brown und die Badische Staatskapelle in dieser außerordentlich musikfreundlichen Inszenierung gleichsam auf Händen getragen.

Dem ersten Akt nimmt Sharon jede Langeweile. Der Zuschauer wird Zeuge einer psychologisch virtuos inszenierten Erinnerungsarbeit von Siegmund und Sieglinde, die zur ekstatischen Erkenntnis ihrer gegenseitigen Liebe führt. Katherine Broderick und Peter Wedd als Gast geben hier stimmlich wie darstellerisch imposante Rollen-Debuts . . .

So wie Regisseur David Hermann im "Rheingold" die gesamte Tetralogie im Auge hatte und die Zukunft immer mit inszenierte, so greift Sharon umgekehrt zum Mittel der technisch höchst ambitionierten Rückblende. Immer wieder gehen auf dem endlosen Flur von Bühnenbildner Sebastian Hannak - eigentlich eine in Bewegung geratende Zimmerflucht - Türen und Fenster auf, aus denen Erinnerungen und Traumata herausdringen . . . Im zweiten Akt sehen wir dann auch den realistischen Bühnenraum hinter den Türen – eine Art Rolltreppe für die Begegnung zwischen Wotan und seiner Frau Fricka. Ihr verpasst Eva Wolak einen filmreifen Auftritt . . .


SWR Kunscht!, 09.12.2016


Einen Vorbericht zur Walküre finden Sie hier.

Navigation einblenden