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WAHNFRIED

dpa, 30.01.2017

. . . Das Werk ist musikalisch von atemberaubendem Tempo und voll mit schwarzem Humor. Entsprechend begeistert reagierte das Premierenpublikum.

"Wahnfried" strotzt vor Wortwitz, Anspielungen und skurrilen Figuren: . . .

Der in den USA lebende Avner Dorman schreibt eine vor Ideenreichtum funkelnde Musik. . . . Da erklingen der Zirkusmarsch "Einzug der Gladiatoren" und der Trauermarsch aus Wagners "Götterdämmerung". Die meisten Zitate sind aber versteckt und mit schrägen Harmonien verfremdet. Dorman ist vor allem vom Jazz, der Minimal Music und der Barockmusik beeinflusst. Seine Musik entwickelt einen unwiderstehlichen Sog. Der hochengagierte Justin Brown sorgt mit seiner fulminant aufspielenden Badischen Staatskapelle für die perfekte Umsetzung der virtuos instrumentierten Partitur.

Der Badische Staatsopernchor (Ulrich Wagner) bewältigt seinen Riesenpart mühelos. Das vierzehnköpfige Solistenensemble agiert aus einem Guss; hervorzuheben: Matthias Wohlbrecht als Chamberlain und Christina Niessen als Cosima Wagner. Regisseur Keith Warner überschüttet das Publikum mit einer Bilderflut (Bühne: Tilo Steffens; Kostüme: Julia Müer). Und so gibt es am Schluss Ovationen für alle Mitwirkenden.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Gerhard R. Koch, 30.01.2017

. . .Das Stück thematisiert die Clan-Wirrsal zwischen Privatem und Politischem, dunkelbraunem Gebräu und hehrer Kunstallüre, wirft den satirischen Blick aufs überaus Lächerliche im Erhabenen, mündend in die Apokalypse.

Stumm steht der reale Wagner im Festspielhaus, oder er wird als Leiche vorbeigefahren. Der Wagnerdämon indes ist der leibhaftige Geist der Zerstörung: ein mephistophelisch-sadistischer Drahtzieher, Wiedergänger des maskenbleckenden Jokers aus den „Batman“-Filmen. Und das Panoptikum füllt sich perfekt: Herrin Cosima, der Frauenzwist, die mantramäßig sich steigernden Beschwörungen von Ariertum, der Anarchist Bakunin, „Majestät“ als Gönner Chamberlains, Passanten, die sich mokieren über den „Spinner“. Der Wagnerianer-Chor wächst ins Exzentrische, der Heldenkult mündet in den Leichenbergen von Verdun. Und aus einem Nürnberger Fachwerkhaus tritt „Meisterjünger“ Hitler alias Chaplins großer Diktator heraus und ergreift die Herrschaft.

. . . Im Text der einundzwanzig locker aneinander gereihten Szenen mischen sich frei Erfundenes und originale oder zumindest Als-ob-Anspielungen. Das gibt dem Libretto einen nicht geringen Unterhaltungswert. Freilich, nicht nur Historisches wird wach, auch die Gegenwart schlägt herein: Einheit oder Reinheit des Volkes, scharfes Freund-Feind-Denken, Kampf wider alle „zersetzenden“ Tendenzen werden von der Rechten immer lauter propagiert; und nicht zuletzt die Sehnsucht nach dem „starken Mann“ wird größer. Insofern kommt Dormans Stück zur richtigen Zeit.

Avner Dorman . . . hat . . . lockeren Stilmix gesetzt, in dem Wagner-Zitate, Opern-Versatzstücke und Musical-Verve einander durchdringen. Da gibt es „schöne“ Arien, schwungvolle Chöre, nostalgisch edles Streicher-Gewirk, aber auch donnernde Schlagzeug-Raster und Blechbläser-Opulenz. Larmoyanz hat hier kaum Platz, eher erinnert manch ratternde Motorik an den frühen Sergej Prokofjew oder an Dmitri Schostakowitsch. Und alles wird perfekt und effektvoll serviert. Stildogmatiker mögen die Nase rümpfen, doch im Rahmen dieses satirischen Konzepts funktioniert das Ganze griffig.

. . . Hinzu kommt ein fulminantes Ensemble von vokal wie theatral gleichwertigen Charakteren: fabelhaft der Tenor Matthias Wohlbrecht als zunächst spinnerter Insekten-Fan Chamberlain, dann als dominanter Demagoge, schließlich als irrer Prophet; phänomenal auch der Countertenor Andrew Watts als Fidi, diabolisch wandlungsfähig Armin Kolarczyks Bariton-Wagnerdämon. Christina Nissen macht aus Cosima eine so abgehobene wie machtbewusste Erscheinung, die Chamberlain-Gattinnen Anna und Eva werden von Barbara Dobrzanska und Agnieszka Tomaszeweska polar profiliert. Sehr suggestiv vermittelt Bariton Renatus Mészár die Gespaltenheit Levis, Konstantin Gorny den Fanatismus Bakunins.

 

BR Klassik, Jörn Florian Fuchs, 30.01.2017

. . . einem auf allen Ebenen fulminanten Spektakel . . .

Die Librettisten Lutz Hübner und Sarah Nemitz wollen viel erzählen, von biographischen Details und Konflikten in der Sippe bis zu traumatischen Momenten - etwa Siegfried Wagners Leiden an seiner Homosexualität - reicht das Spektrum. Man echauffiert sich über eine frühe Form von Lügenpresse, vulgo: schlechte Berichterstattung, und kämpft um Erfolg, Ruf, künstlerische Wahrheit. Immer wieder verdichten sich die Sujets und Motive in einer Figur: nein, nicht im urdeutschen Gesamtkunstwerker Wagner, sondern im Briten Houston Stewart Chamberlain, der seine erste Frau Anna für Richards Tochter Eva links liegen ließ und ansonsten vorwiegend rechtes Gedankengut verbreitete. Die Vorherrschaft der arischen Rasse war für ihn reine Selbstverständlichkeit und sein fanatisches Streben, Deutsch zu werden, Deutscher zu sein, zeigt Regisseur Keith Warner in unter die Haut gehenden Momenten.

. . . Keith Warner hat ebenso ein Händchen für den überraschenden Knalleffekt wie fürs Feinfühlige, er verknüpft Konkretes und Surreales mühelos.

Virtuos unruhig ist auch der vielseitig schillernde Soundtrack des 1975 in Tel Aviv geborenen Komponisten Avner Dorman. Da ist vieles zwar mit dem ganz großen Pinsel gemalt, doch behält Dorman stets die Übersicht und achtet auf schöne Kontrastwirkungen - aberwitzig Groteskes folgt oft abrupt auf intimere und meist kürzere Szenen. Dorman liebt Revuehaftes, Lautstärke und das Ausreizen des Orchesterapparats. Die Gesangslinien sind eingängig, aber nicht banal, . . . . Wenn Chamberlain die angeblichen Vorzüge der arischen Rasse preist, klingt dies wie eine Tanznummer aus einer düsteren Operette - großartig! Justin Brown sorgt am Pult der Badischen Staatskapelle für Präzision, Dynamik, Kraft. Das Publikum jubelt. Ein toller Abend!

 

Die Deutsche Bühne, Susanne Benda, 30.01.2017

. . . Keith Warner hat all dies mit leichter Hand und mit einem Ideenreichtum inszeniert,  . . .

. . . Das Publikum, irritiert, aber auch gepackt, bejubelt das janusköpfige Werk, den Generalmusikdirektor Justin Brown, der es hochengagiert dirigierte, und Sänger, . . .

. . . „Wahnfried“ ist schon deshalb einen Besuch wert, weil es beweist, dass sich Leichtigkeit und Tiefe sogar beim dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte nicht ausschließen müssen.

 

Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg, 03.02.2017

großartig inszeniert ...

Dass die Welt von „Wahnfried“ und seiner Akteure eine Theaterwelt ist: genial, gerade weil es eigentlich selbstverständlich ist. Dass hier alles eine Spur ins Groteske gerät, manchmal auch mehr als eine Spur: logisch, aber von Warner verteufelt geschickt arrangiert. Auf einen sehr gescheiten Text ...

 

Opus Kulturmagazin,Elisabeth Maier, 30.01.2017

. . . ein großer Wurf . . .

. . . Die Konsequenz, mit der Spuhler und sein Team an dem badischen Fünfspartehaus die gesellschaftliche Relevanz der Kunst herausarbeiten, ist bemerkenswert.

. . . Obwohl Nemitz’ und Hübners Sprache ein hauchzarter Humor innewohnt, bringen die Librettisten die politische Dimension der Oper brillant auf den Punkt. Sie reißen das Publikum in den Sog einer Kulturgeschichte, die bis heute tot geschwiegen wird. Regisseur Keith Warner, der selbst viele Wagner-Opern inszenierte, geizt nicht mit Zitaten aus dem bildbelebten Kosmos des großen Komponisten. Weil er Wagners bedeutende ästhetische Konzepte versteht, wirkt das nie lächerlich.

Schön spiegeln Dormans Musik und das kluge, poetisch starke Libretto, was die Wagersche Herrenmenschenideologie mit den Menschen macht. . . .

. . . Dass dieses hochkarätige Opernprojekt Debatten entfacht, ist seine große Qualität. In einer Zeit, da Rassismus und Intoleranz auch auf politischer Ebene wieder zur Selbstverständlichkeit werden und da der Geist des Populismus auf dem Weltparkett tobt, tut diese radikale Vergangenheitsbewältigung Not, mehr denn je.

 

BNN, Isabel Steppeler, 30.01.2017

Spritzige Musik und spielfreudiges Ensemble: „Wahnfried“ von Avner Dorman in Karlsruhe umjubelt

. . . Die Inszenierung von Keith Warner ist spritzig, das Ensemble spielfreudig.

. . . Avner Dorman hat beeindruckende Chorszenen komponiert, überlagert spritzige mit tiefgründigen Passagen, Heiterkeit mit Melancholie und holt immer wieder zum großen Sforzato aus.

. . . Großartig die Sängerriege rings um Matthias Wohlbrecht als verschlagenem und wandlungsfähigem Chamberlain. Christina Niessen macht aus Cosima Wagner ein überzeugend kaltes Familienoberhaupt. Armin Kolarczyk gibt einen gewieften Wagnerdämon, der Countertenor Andrew Watts glänzt zu Beginn des zweiten Akts mit einem wunderschönen Lamento, das der heimlichen Homosexualität von Siegfried Wagner eine Stimme gibt. Überzeugend ergänzt werden diese Partien von Ina Schlingensiepen (Winifried Wagner), Agnieszka Tomaszewska (Eva Chamberlain), Irina Simmes (Isolde Wagner), Konstantin Gorny (Bakunin), Jaco Venter (Kaiser Wilhelm II), Eleazar Rodriguez (Meisterjünger) und Renatus Meszar (Hermann Levi).

 

Badisches Tagblatt, Nike Luber, 30.01.2017

. . . Die unschöne Verquickung von Richard Wagners Kunst mit genau der perfiden Rassentheorie, die später von den Nationalsozialisten zu einer Staatsreligion gemacht wurde, zeigt "Wahnfried" an eben jenem Menschen, der diese Theorie erfand. Im Mittelpunkt der Handlung, vom ersten bis zum letzten Bild, steht Houston Stewart Chamberlain. Nie gehört? Einfach eine Vorstellung von "Wahnfried" besuchen. Hier zeichnet der Sänger Matthias Wohlbrecht mit grandioser Intensität das Porträt eines Menschen, der bedeutend sein will, und darüber alles Menschliche bewusst beiseite schiebt . . .
Chamberlain, der gescheiterte Insektenforscher, ist von dieser Bayreuther Kunst-Welt fasziniert und lässt sich bereitwillig von Cosima instrumentalisieren. Christina Niessen singt nicht nur prachtvoll, sie zeichnet Wagners Witwe als Frau von gnadenloser Strenge und eisernem Willen . . . "Wahnfried" ist ein bitterböses Stück, das ausgesprochen unterhaltsam, also quasi getarnt, daher kommt . . .
GMD Justin Brown und die Badische Staatskapelle zeigten sich bei der Uraufführung in Hochform. "Wahnfried" ist eine musikalische Geschichtsstunde, die spannend und kurzweilig viel erklärt, was jenseits von Bayreuth noch aktuell ist.

 

Badische Zeitung, Heinz W. Koch, 31.01.2017

Ein Kostümpanorama der Extraklasse

. . . Dorman erweist sich als Multi-Stilist mit erheblichem handwerklichem Knowhow. Sein kompositorisches Reservoir ist breit und die Geschicklichkeit, mit der er es nutzt, beträchtlich . . .

Der Karlsruher Generalmusikdirektor Justin Brown, früh in die Entstehung des Werks eingebunden, legt mit der Badischen Staatskapelle und Ulrich Wagners Prachtchor eine fulminante Wiedergabe hin, griffig im Melodischen, trittfest in der nicht selten aufgekratzten Rhythmik. Sängerfutter bietet Dormans Musik auch. Fast alle Karlsruher Stimmgrößen stürzen sich mit Hingabe in ihre meist dankbaren Aufgaben: Christina Niessen als Cosima, Barbara Dobrzanska als Anna Chamberlain, Ina Schlingensiepen als Winifred. Der Wagnerdämon profitiert von Armin Kolarczyks festen Baritonkonturen, der schwule Siegfried Wagner, Fidi genannt, sehnt sich nach seinem verstorbenen Harris in den auch mal dramatischen Höhen von Andrew Watts’ Countertenor.

Vor allem aber können sie in Karlsruhe die äußerst umfängliche Chamberlain-Partie mit dem exzellenten Charaktertenor Matthias Wohlbrecht (im "Rheingold" der Loge, demnächst im "Siegfried" der Mime) angemessen besetzen. Und der spät geehrte Hermann Levi? Renatus Meszar, im "Ring" der Wotan, lässt ihn mit noblem Bassbariton an seinem Judentum leiden und vom Wagnerdämon als Marionette behandel . . .

Gewaltiger Jubel.

 

Rheinpfalz, Frank Pommer, 30.01.2017

Dass darauf noch niemand vorher gekommen ist! Eine Oper über den Wagner-Clan. Kabale und Liebe, wohin man nur schaut. Von Beginn an. . . .

. . . Doch die Oper will mehr als nur im antisemitischen Schlamm von Wahnfried wühlen, mehr auch, als nur eine von Skandalen gepflasterte Familiengeschichte aufzeigen. Wahnfried, das Haus, wo Wagners „Wähnen Frieden fand“, wird zum symbolischen Ort, der stellvertretend steht für eine sich in Deutschland ausbreitende Ideologie, die konsequent in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts mündet. Der Grüne Hügel als Gewächshaus auch, in dem Chamberlains größenwahnsinnige Saat aufgeht und prächtig gedeiht. Erst recht dann, wenn der Gärtner Adolf Hitler heißt.
Aber – und das macht die erschreckende Aktualität dieser Oper aus – die unsägliche Dresdner Rede von AfD- Chefideologe Björn Höcke hat zuletzt bewiesen: Nun fast 72 Jahre haben nicht ausgereicht, um rassistisches, antisemitisches, nationalistisches Gedankengut aus Deutschland auszuwaschen. Der braune Dreck, er klebt fest, in Wahnfried wie andernorts.

. . . die Tonsprache nutzt so ziemlich jedes Genre, welches das 20. Jahrhundert zu bieten hat. Jazz, Musical, Zwölftonmusik, Spätromantik. Wagner kommt mit verzerrten, entstellten Zitaten vor (etwa das Siegfriedmotiv zur Beerdigung des Meisters), ansonsten hören wir Schostakowitsch ebenso wie Mahler. Das ist handwerklich großartig gemacht.

. . . Eleazar Rodriguez wird die fragwürdige Ehre zuteil, den Führer auf der Opernbühne zu verkörpern. Er tut dies wie das gesamte Ensemble und der hoch engagierte Chor mit großem Einsatz und musikalisch wie darstellerisch überzeugend. Das gilt auch für Christina Niessen als Cosima, den Countertenor Andrew Watts in der Rolle von Siegfried Wagner oder Irina Simmes als Isolde, um nur einige von den zahlreichen Solisten zu nennen, die diese Oper verlangt.

 

3 Sat Kulturzeit, 30.01.2017

Den kompletten Beitrag zu Wahnfried finden Sie hier.

 

O-Ton, Christiane Franke, 30.01.2017

. . . Wahnfried, die erste Oper des 41- jährigen Avner Dorman, eines israelischen Komponisten mit deutschen Wurzeln und Wahlheimat in Amerika, ist opulent in der Darstellung, in der Deutung, im Subtext, in der Musik und im Anlass.

. . . Denn Regisseur Keith Warner erzeugt spektakuläre Bilder, die durch Details immer wieder überraschen . . .

. . . Alle an der Aufführung Beteiligten überzeugen an diesem Abend durch ihre Leistungen sängerisch wie darstellerisch. Den musikalisch auffälligsten Arienanteil hat Dorman dem Wagner-Sohn Siegfried gewidmet. Der britische Counter Andrew Watts brilliert in dieser Partie mit Kantilenen, die Watts über skurrile Klangmuster immer wieder in höchste Höhen treibt, um schmerzlich spürbar die Seelennöte aufgrund künstlerischer wie menschlicher Widersprüche zur Erwartung der Wagner-Familie auszudrücken. Matthias Wohlbrecht ist in allen Augenblicken seiner differenzierten Charakterdarstellung der Hauptfigur Houston Stewart Chamberlain stimmlich sicher und präsent. Als Meister im Zusammenspiel und der Präzision erweist sich das Orchester des Badischen Staatstheaters. Dirigent Justin Brown dirigiert souverän und mit aller Übersicht, die diese komplexe Partitur erfordert, und so stringent, dass die Dramaturgie in keinem Moment an Wirkung verliert. Unzweifelhaft steht hier ein Experte am Pult, wie einst der Karlsruher Hofkapellmeister Herman Levi, dem an diesem Abend mehrfach gedacht wird.

 

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