Zur mobilen Version Suche Suche

Navigation einblenden

NOWHERE OUT

Nachtkritik.de, Elisabeth Maier, 01.07.2017

Mit deutlicher Mehrheit hatten die Mitglieder des Deutschen Bundestags in Berlin vor Stunden erst die Ehe für alle auf den Weg gebracht. Vor dem Staatstheater Karlsruhe weht die Regenbogenfahne. Das Timing passt . . . Dass die Debatte über Vielfalt und Gleichberechtigung noch ganz am Anfang steht, zeigen Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura mit ihrem neuen Projekt "Nowhere Out". In der dichten Uraufführung auf der Studiobühne spüren die Schauspieler Schicksalen geflüchteter Homo-, Bi- und Transsexueller nach . . . Und obwohl nun auch in Deutschland hetero- und homosexuelle Paare formal gleichgestellt werden, ist es noch ein sehr langer Weg, bis sich die Mehrheit der Menschen wirklich dafür öffnen wird.

Für die Geflüchteten scheinen solche Perspektiven völlig verstellt. Peitschenhiebe, Steinigung oder Folter erwarten Homosexuelle in ihren muslimischen Heimatländern. Oft steht auf gleichgeschlechtlichen Sex die Todesstrafe. "Mein Vater wollte mich umbringen, als er erfuhr, dass ich lesbisch bin" – die Worte der jungen Muslima schmerzen. Nicht einmal ein drohender Ehrenmord oder die Todesstrafe gelten im Asylverfahren als Fluchtgrund. Und in den Flüchtlingslagern geht die Demütigung weiter. Gunnar Schmidt erstickt die Stimme, wenn er den schwulen Mann verkörpert, der im Heim vor brutalen Machos tanzen muss. Davor schützt ihn kein Gesetz.

Auf Rob Moonens karger Bühne schränken Gitterzäune den Spielraum ein. Videos halten Erinnerungen an die Flucht wach. Projektionen hüllen die Bühne in bunte Farben. Jens-Uwe Beyers Musik peitscht Emotionen hoch. Auf einem Plastikstuhl sitzt die Entscheiderin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Angstschweiß der Geflüchteten, die vor ihr zittern, drückt sie mit Raumspray weg. Marthe Lola Deutschmann kostet den Zynismus der jungen Frau, die ihre Macht gegenüber Schutzbefohlenen missbraucht, hemmungslos aus. Antonia Mohr als Supervisorin entlarvt die Kälte dieser Frau, die aus eigener Tasche Süßigkeiten für die Flüchtlinge kauft, mit klugen Fragen.

Das neue Dokumentartheater von Kroesinger und Dura überzeugt gerade deshalb, weil das Regieteam sich nicht die Sicht der Muslime zu eigen macht. Vielmehr tasten sie sich vorsichtig an das Problemfeld heran. In die kluge Textfassung, die auf Interviews ebenso basiert wie auf wissenschaftlicher Recherche, fließen viele Perspektiven ein . . . Die großen Porträts der Geflüchteten, die Johannes Bruckmeier spielerisch entwickelt, legen die Unterdrückung, der Männer und Frauen nicht nur in der muslimischen Welt ausgesetzt sind, überzeugend offen.

Im dokumentarischen Material finden die Schauspieler Schicksale, die berühren. Dass sie dabei manchmal in eine verzweifelte Ironie abdriften, verwässert den starken Eindruck, den der Abend insgesamt hinterlässt. Anders als in der Erfolgsproduktion Stolpersteine Staatstheater über die nationalsozialistische Vergangenheit der Karlsruher Bühne, die 2016 zum Theatertreffen eingeladen war und auch in Europa und China gastiert, hilft da manchmal nur die Flucht in ein erschrockenes Lachen. Der Aussagekraft des hoch aktuellen Zeittheaters, von Kroesinger und Dura mit innovativen Theaterformen umgesetzt, tut das keinen Abbruch. Ihr Blick auf ein totgeschwiegenes Thema bereichert die Debatte über Gleichstellung und Ehe für alle um einen unverzichtbaren Blickwinkel.

Süddeutsche Zeitung, Adrienne Braun, 04.07.2017

Rein, raus, fertig – ein Trauerspiel

Die Athener wussten es schon: Die Kreter sind schuld. Die Argentinier schoben es auf die Brasilianer, die Rumänen auf die Türken. In der Schweiz sprach man wiederum von „florenzen“, wenn es um Sex zwischen Männern ging. Für die Italiener stand in früheren Zeiten dagegen fest, dass die Wiege der Homosexualität keineswegs in Florenz liegt – sie nannten Schwule „Berliner“. Wenn die Kulturen, Religionen, Generationen dieser Erde etwas miteinander verbindet, so das Unbehagen gegenüber jenen, die anders lieben, anders leben als die Masse, ob sie nun schwul, lesbisch, trans, inter, queer oder bi sind.

„Normal zu sein ist immer noch das Schönste auf der Welt“, heißt es an einer Stelle in „Nowhere Out“, das die Hiobsbotschaft allerdings gleich mitliefert: Auch bei Normalos ist das Begehren des gleichen Geschlechts normal, angeblich steckt es in jedem Menschen. Nachdem Hans-Werner Kroesingers Karlsruher Produktion „Stolpersteine Staatstheater“ im vergangenen Jahr zum Theatertreffen Berlin eingeladen worden ist, widmen Regine Dura und er sich am Badischen Staatstheater nun dem Thema Homosexualität, auch bei Geflüchteten. Die Homo-Community mag die frisch beschlossene Ehe für alle bejubeln, Kroesinger und Dura kontern mit Pessimismus: „Die Gesellschaft ist nicht auf der Höhe ihrer Gesetze.“

Das Theater wiederum ist nicht immer auf der Höhe der Gesellschaft. Anders als Film und Bildende Kunst traute es sich bisher nur selten an die Gender-Debatte heran. Homo- oder Transsexuelle sind auf deutschen Bühnen noch so wenig selbstverständlich wie in Schulbüchern.

Kroesingers Lehrstunde bringt das Publikum erst einmal auf den Stand der Debatte. Die homosexuelle Identität, erfährt man, wurde im 19. Jahrhundert konstruiert und sofort von Ärzten als Diagnose missbraucht. Ein bitteres Wehklagen wird dann von Volkmar Sigusch angestimmt, der Sexualwissenschaftler hält die Sexualkultur des Westens für misslungen. Anstelle einer Liebeskunst, nichts als „rein, raus, fertig“, wird Sigusch zitiert, „es ist ein Trauerspiel.“

Zwischen Bauzäunen und Blechcontainern wollen die vier Schauspieler dem Publikum dann nahebringen, dass es selber einer Randgruppe angehört, denn „Theater ist der Ort für Minderheiten schlechthin.“ Die Textcollage verbindet unterschiedliches Material, das teils gespielt, teils nüchtern zitiert wird. Anhörungen von schwulen Flüchtlingen werden nachgestellt, dann wieder mixt Antonia Mohr Satzbausteine so lang, bis Simone de Beauvoirs These herauskommt: Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.

Bunte Muster flimmern über die Rückwand der Bühne, aber auch Fakten. In Syrien werden homosexuelle Männer immer wieder von Sicherheitskräften vergewaltigt. In Afghanistan müssen sie mit Haft rechnen. Pakistan: lebenslang. Iran: Peitschenhiebe für Lesben, Todesstrafe für Schwule.
. . .
Am stärksten ist „Nowhere Out“, wenn dokumentarisches Material sachlich zitiert wird. Denn Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger haben durchaus interessante Rechercheergebnisse vorzuweisen. So gibt es auch im 21. Jahrhundert immer noch Stimmen, die den sündigen Sex für Umweltkatastrophen verantwortlich machen. Der Tsunami 2004 im Indischen Ozean, so ein saudi-arabischer Professor, sei Allahs Strafe für die sexuellen Perversionen an den Stränden gewesen. Ein österreichischer Pfarrer erkannte im Hurrikan Katrina über New Orleans eine göttliche Strafe, den Gay Pride zu verhindern. Fast wäre der Mann Weihbischof von Linz geworden.

SWR.de, Marie-Dominique Wetzel, 04.07.2017

Mit dem Rücken zum Publikum sitzt eine ganz in weiß gekleidete Person an einem kleinen Schreibtisch und starrt auf den Boden, antwortet auf keine der bürokratisch-kalten Fragen ihres Gegenübers. Der Prolog ist zu Ende, noch bevor zu große Betroffenheit aufkommen kann. Cut. Umbau
. . .
Es folgt: ein mit verteilten Rollen vorgetragenes Interview mit dem sattsam bekannten Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch, der die heutige Sexualkultur im Westen als verkniffenes Trauerspiel bezeichnet. Der "kleine Exkurs" dauert dann aber doch etwas länger – und eigentlich hört er an diesem Theaterabend überhaupt nicht mehr auf, bzw. ein Exkurs folgt dem anderen: Dem vorgetragenen Interview mit dem Sexualwissenschaftler folgt ein deklamierter Video-Blog einer erzkonservativen Mutter aus den USA.

Dann geht es weiter mit Zitaten von Magnus Hirschfeld, dem Mitbegründer einer der ersten homosexuellen Bewegungen, über die britische Pop-Feministin Laurie Penny bis hin zu Simone de Beauvoir. Nicht gerade einfach, dafür bühnentaugliche Formen und Sprechweisen zu finden! Keine Frage, das Team um Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura war fleißig, hat sich außerdem durch Gesetzestexte, Anfragen im Bundestag und Leitfäden gewühlt - da dürfen natürlich auch Statistiken z.B. über Outing-Quoten nicht fehlen.

Die anderthalb Stunden werden zäh. Die Lebensgeschichten und Befragungsprotokolle der Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und dem Iran, die das Team gefunden hat, hängen auf weißen Blättern an ein paar Absperrzäunen. Die Schauspieler nehmen immer mal wieder ein Blatt ab und lesen es vor. Die Schicksale gehen aber in dem sonstigen, aufgeregten Geplapper fast unter. Streckenweise wirkt das Ganze wie überdrehtes Impro-Theater. Man hätte gerne mehr über das eigentliche Thema des Abends, das Leben der Geflüchteten, ihre Hoffnungen und Ängste und ihr Ankommen in Deutschland erfahren. Das Ärgerliche: stattdessen geht es - wieder einmal - mehr um uns.

Gegen Ende gewinnt der Theaterabend dann doch nochmal an Relevanz: das nachgespielte Interview mit einer Mitarbeiterin des BAMF, des Bundeamts für Migration und Flüchtlinge, offenbart eine Mischung aus haarsträubender Naivität, Unfähigkeit und Zynismus . . . 

BNN, Andreas Jüttner, 03.07.2017

. . . Das Konzept klang interessant: Das Team des viel beachteten Stücks „Stolpersteine Staatstheater“ (das Regieduo Hans-Werner Kroesinger/Regine Dura und das Ensemble Jonathan Bruckmeier, Marthe Lola Deutschmann, Antonia Mohr und Gunnar Schmidt) sollte sich den Schicksalen homosexueller Flüchtlinge muslimischen Glaubens widmen – also Menschen, die ihre geografische Heimat verloren haben und deren sexuelle und religiöse Heimat in mitunter lebensbedrohendem Widerspruch steht. Eine „Mini-Minderheit“, sicher, das wird im Stück auch selbst so gesagt – aber das Theater ist nicht nur deshalb ein Ort für Minderheiten, weil Theaterbesucher eine prozentuale Bevölkerungsminderheit sind (was im Stück ebenfalls gesagt wird), sondern weil der Sonderfall immer die interessantere Geschichte ergibt als die Norm. Hamlet, Macbeth und Othello beispielsweise sind sogar extreme Minderheiten, nämlich einzigartige Individuen.

Für „Nowhere Out“ sollen Interviews unter Betroffenen geführt worden sein – daraus hätten sich individuelle Geschichten ergeben können, in denen sich Systeme und ihre Widersprüche spiegeln könnten, so wie es in „Stolpersteine Staatstheater“ dank der vielen Aktendetails über die Verfolgung individueller jüdischer Theaterleute zur Nazizeit gelungen ist. Doch diese Geschichten sind im Stück allenfalls als Spurenelemente vorhanden. Statt dessen geht die erste Hälfte der rund 100-minütigen Aufführung für einen Crashkurs in Sachen „Sexuelle Identität“ drauf, als würde bei einer Internet-Suchanfrage ein Fenster nach dem anderen aufploppen. Und die zweite Hälfte widmet sich über weite Strecken der höchst fragwürdigen Befragungs- und Entscheidungskompetenz der Mitarbeiter im Bundesamt für Migration sowie der bestürzenden Nachricht, dass die Bundesregierung für den geschilderten Kompetenzmangel rund 25 Millionen Euro ausgegeben haben soll, indem sie die BAMF-Arbeitsabläufe durch Firmen wie McKinsey „optimieren“ ließ.

Die bemerkenswerte Passage des Abends ist ein Exkurs darüber, die Homophobie sei im 19. Jahrhundert in einer Form geistiger Kolonialisierung vom Westen in den Orient exportiert worden – aus diesem Aspekt hätte sich ebenso ein Stück zum geplanten Thema entwickeln lassen. Oder auch daraus, dass der originellste Satz des Abends irritierenderweise einer stockkonservativen YouTube-Aktivistin gehört, die gegen Minderheitenrechte wettert: „We are so open-minded that our brains are falling out!“ So aber bleibt nur Stückwerk, an dem sich die Darsteller redlich abmühen. Freundlicher Premierenapplaus. 

Navigation einblenden