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KARLSSON VOM DACH

Die Rheinpfalz, Rüdiger Krohn, 04.10.2016

Lillibror allein zuhaus. Die Eltern des Siebenjährigen haben zu tun, und also sucht der Junge, der eigentlich lieber einen Hund hätte, anderen Zeitvertreib. Nur gut, dass Hilfe von außen, besser: von oben kommt. „Karlsson vom Dach“ ist der Titel eines köstlichen Kinderstücks, das jetzt in der „Insel“ des Karlsruher Staatstheaters zu sehen ist ...

Dass am Ende die Welt für den schüchternen Lillibror, der durch Karlssons Wirken an Selbstbewusstsein gewinnt, deutlich besser aussieht und zum bizarren Happy End sogar Fräulein Bock und Onkel Julius ein liebend Paar werden, liegt freilich nicht allein an den zeitlos schönen Geschichten von Astrid Lindgren, die hier gespielt werden, sondern auch an den Vorzügen der amüsanten, temporeichen Aufführung, die Regisseur Jakob Weiss auf der (von ihm selbst) hübsch gestalteten Bühne der „Insel“ geschaffen hat, verbunden mit den köstlichen Kostümen von Elena Gaus, die aus den überdimensionalen Ganoven, aus dem grotesken Julius und der schrillen Zicke Bock kurzweilige Augenweiden macht.

Natürlich ist das alles sehr übertrieben und überschreitet bisweilen wohl auch die Grenze zum Klamauk. Aber den jugendlichen Zuschauern (ab acht Jahren) gefallen gerade die turbulenten Momente mit Slapstick und Blödelei, und ihre erwachsenen Begleiter finden dazwischen viele andere Details und witzige Einfälle der liebevoll ausgearbeiteten Inszenierung, an denen sie für allfälligen lauten Kinderkram entschädigt werden. So ist denn die Einstudierung durchaus ein fulminanter Spaß für die ganze Familie, an dem die humorige Musikauswahl mit Zitaten zum Flug-Thema von Wagners „Holländer“ über den „Hummelflug“ bis zu „Mary Poppins“ erheblichen Anteil hat.

Das Ensemble hält den komödiantischen Jux zur unverkennbaren Begeisterung des Publikums 75 vergnügliche Minuten lang auf hohen Touren. Als allmählich aufblühender Lillibror stellt sich erstmals Swana Rode mit rührend kindlichen Tönen und nur bisweilen aufmüpfigen Nuancen vor, und dem hinreißend bombastischen Karlsson gibt Katharina Breier mit entwaffnendem Volldampf und kesser Lippe unwiderstehliche Kontur. In mehreren Rollen entfalten die beiden Herren grotesken Spielspaß. Constantin Petry, ebenfalls neu in der „Insel“, als überwältigend altjüngferliches Fräulein Bock oder als wüsthaariger Rotzlöffel Birger und Sebastian Reich als klotzig polternder Julius oder als reichlich verpeilter Vater steuern der Veranstaltung pralle Bravourstücke bei. Mit dieser Inszenierung ist dem Jungen Staatstheater ein glänzender Einstieg in die neue Spielzeit gelungen.

 

BNN, Nina Setzler, 27.09.2016

Witzige Optik und wandelbare Spieler
Junges Staatstheater Karlsruhe startet mit „Karlsson vom Dach“ nach Astrid Lindgren in die Saison ...

Die 75-minütige Inszenierung von Astrid Lindgrens Klassiker „Karlsson vom Dach“ in der Insel des Jungen Staatstheaters Karlsruhe besticht nicht nur durch ein witziges Bühnenbild (von Regisseur Jakob Weiss) und originelle Kostüme (Elena Gaus), auch die Verwandlungskünste der Darsteller bei laufendem Spielbetrieb sind klasse. Sebastian Reich überzeugt als Vater mit rot getöntem Haupthaar und Kochschürze ebenso wie als tänzelnde Wolke bei Karlssons Flugszenen sowie als loriothaft zeternder Onkel Julius und als Hälfte eines schattenhaften Einbrecherduos, das mit überdimensionierten Schulterpartien und lächerlichen Strumpfmasken auf jeden Trick reinfällt.

Das Ensemble auf der Bühne fühlt sich gekonnt in seine Figuren hinein. Im Zentrum steht mit wunderbarem Dackelblick, Topfschnitt und Latzhose Lillebror, der sich in seinem Zimmer völlig verlassen fühlt, obwohl ständig jemand reinschneit. Vor allem natürlich der kleine, dicke Karlsson (Katharina Breier) mit seinem Propeller am Rücken, der sich am laufenden Band selbst auf die Schulter klopft und nach etwas zu Essen verlangt. „Ich find’s auch schön, dass ich hier bin“, entgegnet er breit grinsend Lillebrors Wiedersehensfreude, bevor die beiden gemeinsam über die Dächer fliegen. In Zeitlupe. Mit Glitter und Blitzlicht zu Heldenmusik – Zwischenapplaus für so viel originelle Bildgewalt.

Schön ausgestaltet sind die Szenen um den hölzernen, schrägen Bühnenraum im Theaterraum, der rundherum bespielt wird: Das geistergläubige Fräulein Bock unter schaurigen Soundeffekten im Dialog mit dem vermeintlichen Hausgeist, den sie alsbald mit dem Laubsauger jagt und schließlich desperat kopfüber in der Ecke kauert, dass man nur noch ihre quadratischen Schuhe sieht. Es gibt viel zu gucken, viel Klamauk und Slapstick, aber auch die Dialoge kommen pfeilschnell und akkurat ...

Badisches Tagblatt, Georg Patzer, 27.09.2016

Das junge Staatstheater hat aus den Büchern ein Theaterstück gemacht, das vor allem auf Action setzt. Der erste Auftritt ist Karlsson selbst, der mit bombastischer Musik und von Scheinwerfern beleuchtet, auf einer Plattform steht und ruft: "Applaus! Applaus!" In schnellem Wechsel gehen dann die Personen auf und ab, Vater, langhaariger Bruder, zwei Einbrecher, die Haushälterin Frau Bock, einmal nachts die Mutter (alle gespielt von Constantin Petry und Sebastian Reich - Katharina Breier und Swana Rode spielen die Hauptrollen), es gibt viel Musik, Disco aus den 70er-Jahren, Klamauk und Geschrei und Verkleidung ... 

Zu bewundern ist die Energie und die Verve, mit denen die Schauspieler agieren und sich in immer neue Kostüme kleiden und sich auch vor unnötigem Slapstick nicht scheuen, im Hintergrund Wolken hin- und hertragen oder einige Szenen in (sehr gekonnter) Zeitlupe spielen ...

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