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FAZ, Wiebke Hüster, 30.04.2019

Dieses Ballett findet Bilder für die Vergangenheit und die Zukunft (…)
Bordins Aufgabe in seinem Ballett mit dem Manifest-Titel war es, mit kleinen battierten und großen fliegenden Sprüngen die dreihundertjährige Theatergeschichte Karlsruhes zu durcheilen, in einem bewegten Festakt. Das ist ihm hinreißend gelungen. Man könnte den Abend eine Rehabilitierung des pièce d’occasion nennen und ihn als Anregung begreifen, nicht bei jedem feierlichen Anlass eine Gala zusammenzukaufen, sondern doch öfter einen Choreographen um ein Auftragswerk zu bitten.
Bordin, der eine kluge musikalische Collage von Bach bis zu Nils Frahm verwendet, beginnt sehr verspielt mit einem barocken Herrscher, dem Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach, dessen disharmonische Ehe durch heitere tänzerische Verfolgungsjagden mit großen Tassen voller Chocolade dargestellt wird und andere, entgegenkommendere weibliche Entouragen mit sich bringt. Auch die Romantik mit verschiedenen Pas de Quatre ist voller leichter kleiner gespielter Scherze zwischen den Tänzerinnen, die einander für Bruchteile von Sekunden nur in den Weg springen, die Sicht versperren, die Laune verderben, die Schau stehlen und manches mehr. Zhi LeXu tritt als missgestimmter romantischer Langweiler in eine Szenerie, in der die Luft vor Ehrgeiz flirrt.
Einige wirklich schöne klassische Pas de deux später und nach einer Pause, in der die zuvor komplett unter Wasser gesetzte Bühne getrocknet werden muss, springt das Ballett ins zwanzigste Jahrhundert, und es wird ernst bis in die zeitgenössischen Passagen am Ende hinein. Das sind die uns näheren, abstrakteren Formen des Tanzes, das sind coolere Umgangsweisen, eine andere, schwieriger erarbeitete Souveränität gibt es hier zu beobachten, nichts Auftrumpfendes mehr.
Neben der Choreographie, die die Schönheiten der Ballets Russes streift, an Balanchines frühe angelernt amerikanische Kühnheit erinnert und dann die Karlsruher Trümmerfrauen den Ort aufräumen lässt, an dem das heutige Staatstheater steht, hat das Bühnenbild von Numen und Ivana Jonke entscheidenden Anteil am Gelingen dieses Abends, daran, dass er zeitgenössisch und klug wirkt. Ihre großen, schwebenden, durchsichtigen Folien, ihre Leinen, Luftballons und Laserlichtstrahlen erzeugen Räume, imaginieren Brände, Kriege, Trümmer, zeichnen Perspektiven und Volumina und Katastrophen so leicht wie in einem Comic und auch so klar verständlich. (…)
So wird Theater gemacht: Mit einer großen Idee davon, woher wir kommen, mit einer These, warum wir so sind, wie wir sind, und einer Erzählung, die ausmalt, wie wir werden könnten, und mit vollkommen durchdachten, imaginativen Mitteln, um all das in Bilder zu kleiden. Das also kann Ballett auch.

Badisches Tagblatt, Nike Luber, 29.04.2019

Als Primaballerina war Birgit Keil ein Teil von John Crankos Stuttgarter Ballettwunder. Als Ballettdirektorin hat sie in Karlsruhe ein zweites Ballettwunder geschaffen. Dazu muss man wissen: als Keil zusammen mit ihrem Mann Vladimir Klos 2003 die Leitung des Balletts am Badischen Staatstheater übernahm, lag diese Sparte am Boden. Auf den Weggang des beliebten langjährigen Leiters Germinal Casado folgte eine Interimszeit inklusive des gescheiterten Versuchs, dem Karlsruher Publikum experimentelles Tanztheater näher zu bringen. 2003 begannen Keil und Klos also mit dem Neuaufbau auf der Basis der von ihnen selbst ausgebildeten Absolventen der Akademie des Tanzes Mannheim. Wenn man das Karlsruher Staatsballett heute tanzen sieht, erinnert nichts mehr an die schwierigen Jahre um die Jahrtausendwende. Birgit Keils Strategie, Ballettklassiker und Uraufführungen von jungen Choreografen zu zeigen, ging perfekt auf.
Mit Thiago Bordin hat Birgit Keil wieder einmal eine gute Wahl getroffen. Er verpackte 300 Jahre Karlsruher Ballettgeschichte in zwei unterhaltsame Stunden. (…)
Alles ist heiter, beschwingt und makellos getanzt. (…)
Die Stärke von Zukunft braucht Herkunft liegt in den vielen charmanten Momenten und den zahlreichen Gelegenheiten für die Karlsruher Compagnie, ihr tänzerisches Können zu zeigen.
Für Birgit Keil bedeutet diese Uraufführung, Abschied zu nehmen von der Compagnie, die sie aufgebaut und zum Erfolg geführt hat. Es ist ihre letzte Spielzeit als Ballettdirektorin. Was nicht heißt, dass sich Birgit Keil nun mit 75 Jahren zur Ruhe setzt. Sie ist und bleibt jeder Zoll eine Tänzerin und wird zusammen mit Vladimir Klos über die nach ihr benannte Tanzstiftung weiterhin jungen Talenten den Weg zur Tanzkarriere eröffnen.

BNN, Manfred Kraft, 29.04.2019

Alles geht einmal zu Ende. Mit der Premiere des Balletts Zukunft braucht Herkunft endet die glanzvolle, sechzehnjährige Ära der Ballettdirektion Birgit Keil. (…) Es spricht für die Spartenleiterin, dass sie mit ihrer letzten Premiere nicht auf Nummer sicher ging und eine Neueinstudierung früherer Erfolgschoreografien (wie etwa Anna Karenina, Giselle oder Siegfried) auf Programm setzte, sondern konsequent ihren Weg weiterging, junge vielversprechende Choreografen zu fördern. (…)
In einer Kreation, die nicht nur einen würdigen Abschluss der Ära Keil bilden sollte, sondern auch als Beitrag des Balletts das dreihundertjährige Jubiläum des STAATSTHEATERS zu ehren versuchte, brachte er [Choreograf Thiago Bordin] überaus geschickt die Geschichte des Tanzes, des Theaters und der Stadt auf die Bühne.
Zukunft braucht Herkunft schlägt die Brücke von der Gründung Karlsruhes und seines Hoftheaters bis zu einer imaginären, virtuell-digitalen Zukunft und verbindet beide mit dem Fächergrundriss der Stadt. (…)
Doch ohne das Vermögen, jede Epoche mit einer eigenen, dem Stil der Zeit angemessenen, doch immer auch leicht ironischen, Handschrift zu versehen, wäre die Aufführung nur halb so unterhaltsam gewesen. Auch die Musik präsentierte einen wunderbaren Bilderbogen von Johann Sebastian Bach und Reinhard Keiser über Mozart, Beethoven und Chopin bis zu Strawinsky und Philip Glass. Markante Schwerpunkte bildeten Tschaikowskys erstes Klavierkonzert und Wagners Rienzi-Ouvertüre (…) Das Ensemble als Kollektiv überzeugte rundum (…) Ein wunderbarer Abend.!

Die Deutsche Bühne, Vesna Maklar, 28.04.2019

Der letzte Werkauftrag von Ballettdirektorin Birgit Keil könnte zum lokalen Kultstück avancieren. Es schlummert jedenfalls viel Potenzial in dieser ersten abendfüllenden Produktion des gebürtigen Brasilianers Thiago Bordin. (…)

Der Schachzug, die 16-jährige Erfolgsgeschichte ihrer mit dieser Spielzeit ausklingenden Ära an der Spitze des Badischen Staatsballetts Karlsruhe durch einen zukunftsweisenden Rückblick zu beenden, ist Kammertänzerin Birgit Keil gleich mehrfach gelungen. Denn was sich hinter dem eher unpoetisch-sperrigen Titel „Zukunft braucht Herkunft #soooeintheater“ (…) verbirgt, verlinkt Marksteine der Kultur- und insbesondere Tanzgeschichte mit einschneidenden historischen Ereignissen in Karlsruhe. Und das ironisch reflektiert und ohne Scheu vor Zitaten oder Verfremdungseinfällen. Den Witz, die lässige Leichtigkeit und freche Science-Fiction-Note, mit der Bordin und sein Team sich der komplexen Aufgabe angenommen haben, wird ihnen so schnell niemand nachmachen. (…)
Die pfiffigen Kostüme mit unterschiedlichem Anmutungsflair stammen von der langjährigen niederländischen NDT-Tänzerin Bregje van Balen. (…)
Choreografisches und darstellerisches Highlight (…): der geschichtsträchtige Pas de quatre der Jahrhunderttänzerinnen Carlotta Grisi, Marie Taglioni, Lucile Grahn und Fanny Cerrito. Eine herrliche Persiflage inklusive Selfie-Gag. Lustig anzuschauen – egal ob man die Namen der Ballerinen schon mal gehört hat oder nicht. Um ins Reich der Sylphiden und Willis zu kommen, muss Bordin Formationen wie diese nur zweimal klonen. Aufträge zu besonderen Gelegenheiten machen eben erfinderisch.“

Lesen Sie die komplette Kritik hier

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