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IPHIGENIE

BNN, Andreas Jüttner, 28.05.2019

Was haben die TV-Serie „Game of Thrones“ und der griechische Mythos vom Fluch der Tantaliden gemeinsam? Beides sind Geschichten über einen Gewaltkreislauf voller Machtkämpfe, Kriege, Morde, Vergewaltigungen und Inzest, der sich über Generationen hinstreckt. Was unterscheidet die beiden Stoffe? Bei „Game of Thrones“ war der Anfang stark und das Ende schwach, beim Fluch der Tantaliden hingegen ist der Abschluss die bis heute bekannteste und am häufigsten erzählte Geschichte. Und hätten die Serienmacher mal bei Goethes „Iphigenie“ nachgeschaut, wie man alle Fäden einer langen und blutigen Geschichte abschließend aufgreift und auflöst, indem man den Kulturwandel von archaischer Blutrache zum aufgeklärten Humanismus darstellt, sie hätten ihr eigenes Werk vielleicht nicht so schludrig abgeschlossen wie jüngst geschehen.

Zugegeben: Viel „Action“ weist das 1787 fertiggestellte Blankvers-Drama nicht auf. Dass es sich dennoch in faszinierende Bilder setzen lässt, beweist die Inszenierung von Lilja Rupprecht am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Indem sie Goethes „Iphigenie auf Tauris“ mit der Vorgeschichte „Iphigenie in Aulis“ in dem rund 2 500 Jahre alten Drama von Euripides verbindet, wird in zwei Stunden ohne Pause die ganze Geschichte erzählt. Viele Konflikte stehen hier im Raum: Schicksal gegen Eigenverantwortung, Ehre gegen Vernunft, Gesetz gegen Gnade, Opferbereitschaft gegen Opportunismus. So grauenvoll die geschilderten Taten sind, so rational bleibt deren dialogische Verhandlung. „Gute Gründe ringen gute Gründe nieder“, heißt es einmal bei Euripides. Dementsprechend lassen beide Texte Argumente gegeneinander antreten, was insbesondere Goethes „Iphigenie“ den Ruf eingebracht hat, ein reines Ideendrama zu sein. In Karlsruhe treten Ideen und Inhalt in den Hintergrund zugunsten einer optisch-akustischen Überwältigungs-Installation, die getragen wird vom Bühnenbild von Paula Wellmann und von der dräuend wummernden Musik von Romain Frequency. In Aulis waten die Figuren in einem flachen Pool herum, stets vom Ausrutschen bedroht auf dem glitschigem Grund zwischen moralischen und pragmatischen Prinzipien. Riesige Hologramm-Projektionen in ihrem Rücken erwecken den Eindruck von Hochtechnologie (Video: Moritz Grewenig), während ihr Erscheinungsbild zwischen archaischem Stammes-Habitus und futuristischem Alien-Look changiert (Kostüme: Christina Schmitt).

Ihren eigentlichen Trumpf spielt Bühnenbildnerin Paula Wellmann im zweiten Teil aus: Tauris wirkt als Unort voller Nebelschwaden wie eine düstere Fieberfantasie von Caspar David Friedrich. Die grandiose Lichtsetzung erweckt den Eindruck, die Figuren stünden auf Klippen am Rand tiefer Abgründe – vielleicht staksen sie aber auch schon durch ein von Schwefeldunst durchzogenes Fegefeuer oder die verwüsteten Reste einer Nachkriegszeit. All das betont die Fremdheit des Mythos für heutige Zuschauer. Diese bleibt auch gewahrt, wenn die von Antonia Mohr furios gespielte Klytämnestra im Ringen um das Leben ihrer Tochter mal sprachlich aus der Epoche purzelt und Agamemnon anherrscht: „Mach doch mal das Maul auf!“ . . .

Eindruck macht die Doppelbesetzung der Titelfigur: Sonja Viegener gibt die junge Iphigenie, die zunächst um ihr Leben fleht, dann aber der Sogkraft ideologisch motivierter Opferbereitschaft verfällt und sich zur Heldin stilisiert. In der zweiten Hälfte wirkt sie als innere Stimme der gealterten Protagonistin, die nun von Rahel Ohm verkörpert wird. Die reife Iphigenie steht für innere Gefasstheit, die aber zerbricht, als sich mit Orest die Möglichkeit einer Heimkehr nach Griechenland bietet . . .

SWR 2, Marie-Dominique Wetzel, 27.05.2019

Eine bedrückend wüste Welt: "Iphigenie" am Badischen Staatstheater Karlsruhe:

Der antike Mythos um Iphigenie, die von ihrem Vater Agamemnon geopfert werden soll, um von den Göttern guten Wind für die Fahrt nach Troja zu erbitten, hat es in sich. Schon der griechische Tragödiendichter Euripides schrieb zwei Fassungen und auch Goethe schleppte den Stoff lange mit sich herum und arbeitete seine „Iphigenie“ immer wieder um.

Am Badischen Staatstheater hat die Regisseurin Lilja Rupprecht nun die Fassungen beider großer Dichter zusammengeführt.

Auf der Bühne, im Vordergrund, ein Wasserbecken, um das einzelne Personen sitzen. Kein Lüftchen regt sich. Agamemnon, der Heerführer der Griechen, sitzt mit seinen Truppen in Aulis fest. Die Göttin Artemis fordert Agamemnons Tochter Iphigenie als Opfer, damit die Griechen ihre Fahrt fortsetzen können. Zuerst weigert sich Agamemnon, doch dann, um die Ehre seines gehörnten Bruders Menelaos wiederherzustellen und aus Angst vor dem ganzen Heer sonst als Schwächling dazustehen, lässt er sich doch zu dem Blutopfer überreden. Steif steht der König da, läuft unruhig durch das Wasserbassin und hadert mit sich und seinem Schicksal. Seine Frau Klytämnestra lockt er nach Aulis, indem er behauptet, Iphigenie mit dem jungen Achill vermählen zu wollen. Als sie eintreffen, wird der Schwindel schnell entdeckt, und Klytämnestra stellt ihren Gatten zur Rede.

Ganz klar, hier ist die Frau die Reflektiertere und dank der Regisseurin Lilja Rupprecht, darf Antonia Mohr, das auch ausspielen. Doch Klytämnestra schafft es trotzdem nicht, den in alten Denkmustern verhafteten Agamemnon umzustimmen. Und als Iphigenie merkt, dass ihr Vater hart bleibt, übernimmt sie seine Sichtweise und will sich freiwillig opfern. Aber Artemis hat Erbarmen, hüllt die zum Opfer bereite Iphigenie in eine Wolke und versetzt sie auf die Insel Tauris, wo König Thoas herrscht. Dort lebt Iphigenie fortan als Artemis-Priesterin, von Heimweh geplagt - gespielt von einer zweiten, älteren Schauspielerin, Rahel Ohm.
Eine wortgewaltige Inszenierung von zwei Stunden auf der Bühne von Paula Wellmann: einer bedrückend dunklen, wüsten Welt, in die nur selten dünne Lichtstrahlen einfallen . . .

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