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BALLETT: RUß – EINE GESCHICHTE VON ASCHENPUTTEL

Badisches Tagblatt, Georg Patzer, 11.02.2020

Sehr prägnant und präzise sind alle Charaktere herausgearbeitet: Rita Duclos hat diesmal das Aschenputtel getanzt mit rußverschmierten Wangen als naive, glückliche und positive junge Frau. Ihre Stiefmutter wurde von Alba Nadal als übermächtige, große, steife Frau verkörpert, Lucia Solari als Livia war in ihrer auch körperlich spürbaren Zerrissenheit und strengen Selbstbeherrschung mit ihren sparsamen Bewegungen der Star des Abends. Erst am Schluss, als sie während des Pas de deux mit Pablo Octavio als verliebter Arbeiter sich zuerst fast schmerzhaft verkrampfte, dann aber ihre Bewegungen plötzlich weicher und offener wurden, fing sie an zu lächeln. Musik gab es vom Band, von Nina Simone über Johann Strauß (Sohn) bis Woody Guthrie, aber auch live von dem Akkordeonisten Marko Kassl, der überraschende Akzente setzte.

Marie-Dominique Wetzel, SWR 2, 07.01.2020

Die neue Ballettdirektorin am Badischen Staatstheater in Karlsruhe, Bridget Breiner, zeigt in Karlsruhe die Wiederaufnahme ihres ersten Handlungsballetts: Ruß – eine Geschichte von Aschenputtel von 2013. … Nun hat sie für ihre neue Wirkungsstätte in Karlsruhe eine Neufassung erarbeitet. Bridget Breiner ist eine interessante Neuinterpretation des sattsam bekannten Märchenstoffs gelungen. Sie schafft es eindrucksvoll, klassisches Ballett mit modernen Elementen zu verbinden.

… Die Tänzerin Alba Nadal verkörpert „die böse Stiefmutter“ mit großer Ausdruckskraft, ohne dabei je pathetisch zu werden: Ihre ruppigen Bewegungen und ihr stets unter Hochspannung stehender Körper drücken Verzweiflung aus, aber vor allem Durchhaltewillen und Strenge gegenüber ihren Töchtern. Ein krasser Gegensatz zu der liebevollen Beziehung des Vaters zu Aschenputtel, die hier Clara heißt. … herrlich leichtfüßig und burschikos zugleich in dieser Rolle Rita Duclos. …

Bridget Breiner ist eine interessante Neuinterpretation des sattsam bekannten Märchenstoffs gelungen. Und sie schafft es eindrucksvoll, klassisches Ballett mit modernen Elementen fließend – und inhaltlich sinnvoll – zu verbinden. Langer, begeisterter Applaus für die Karlsruher Neufassung.

Susanne Schiller, Badische Neueste Nachrichten, 07.01.2020

Der märchenhafte Hell-Dunkel-Kontrast offenbart in der ersten abendfüllenden Choreografie der Ballettdirektorin in Karlsruhe Graunuancen. So passt auch der Titel: „Ruß.“ Die „Aschenputtel“ Szenerie ist grau überzogen, es ist das Schwarz der Kumpels, das diese zu Tage bringen und das seine Spuren hinterlässt. Das düstere Ambiente spielt nicht im Märchenland, sondern im amerikanischen Bergarbeitermilieu, das Bezüge zum Ruhrpott aufweist, wo das Stück 2013 in Gelsenkirchen herauskam und anschließend mit dem Theaterpreis „Faust“ ausgezeichnet wurde. Mit dieser prämierten Produktion ließ die ehemalige Stuttgarter Ballerina das Karlsruher Publikum nun wissen: Bridget Breiner weiß Geschichten zu erzählen.

… Der Choreografin geht es nicht um das Nacherzählen einer Story, sondern um die Verzahnung des Schicksals unterschiedlicher Charaktere, die Ergebnisse ihres sozialen Umfelds sind und damit die Bedingungen für die Handlung erst schaffen. Das mag etwas überladen klingen, doch Breiner geht dramaturgisch stringent mit der Idee um, so dass das Märchen eine auch für das junge Publikum ansprechende Neubetrachtung erhält. Die Körpersprache der Darsteller, die gezielt auf Ausdruckskraft denn auf klassische Kunstfertigkeit setzt, nimmt die emotionalen Zwischentöne auf. …

Francesca Berutto gibt die verunsicherte Livia, die in ihrer Haltung und den klassischen Spitzenschuhen an den Füßen wie in ihrer Bewegungsfreiheit eingesperrt scheint, mit großer Überzeugungskraft. Während Rita Duclos alias Clara ihre Stiefelchen in die Ecke wirft und mit nackten Füßen und überbordendem Temperament nicht nur die Herzen der Kumpels, sondern auch das des reichen Schnösels erobert, der in ihren Armen dann doch zu einer Art Traummann gerät. Emiel Vandenberghe beeindruckt hier in seiner Überzeichnung der Figur wie in seiner einfühlsamen Präsenz. Die Rolle der bösen Stiefmutter lotet Alba Nadal ohne Klischees aus und sorgt im Duett mit Claras Vater (José Urrutia) für einen der eindrucksvollsten tänzerischen Momente des Abends. Den kindlichen Charakter von Livias kleiner Schwester verkörpert Sara Zinna liebenswürdig. Dann bliebe noch der Grubenarbeiter Mitch (Ledian Soto), der dem Geschehen in einem kraftvollen Auftritt doch noch ein glückliches Ende beschert. Die Stimmung des knapp zweistündigen Abends, der durch einen spannenden Musikmix unterlegt ist, prägt Marko Kassel entscheidend mit, der mit seinem Akkordeon die Livetöne beisteuert.

Rüdiger Krohn, Die Rheinpfalz, 07.01.2020

„Am Karlsruher Staatstheater zeigt die neue Ballettdirektorin Bridget Breiner nun das beliebte Grimmsche Märchen fern aller kitschigen Opulenz in einer ungewohnten, sehenswerten Lesart. Schon bei ihrem Amtsantritt als Tanzchefin am Gelsenkirchener Ballett im Revier machte die Choreografin mit diesem Stück 2013 Furore. …

Dass „Ruß“ … glänzend funktioniert, hat … mit der dramaturgischen Umgewichtung des Stoffes zu tun: Nicht Aschenputtel steht hier im Mittelpunkt. Vielmehr sind es ihre ehrgeizige Stiefmutter mit dem Drang nach Höherem und ihre beiden rivalisierenden Stiefschwestern. Dieser Perspektivenwechsel gibt dem harmlosen Märchen interessante Tiefe und den vermeintlichen Nebenfiguren nachhaltige Kontur. …

Die einstige Stuttgarter Primaballerina Breiner siedelt ihre Choreografie stilistisch zwischen klassischer Schule und Modern Dance an. In „Ruß“ beweist sie ein überzeugendes Talent für erzählendes Ballett nicht nur bei den Solisten, sondern auch in den üppigeren Tableaus wie der düster gehaltenen Ballszene, deren robuste Walzerseligkeit gebrochen wird durch dramatische Spiel-Momente. …

Ganz besonders gut gelingt die suggestive Harmonie von Tanz und Musik in der grandiosen Liebesszene von Clara und ihrem „Prinzen“, die auf der Grundlage eines bearbeiteten Opernduetts von Camille Saint-Saëns zu den Höhepunkten des Abends gerät.

Der Erfolg von „Ruß“ ruht wesentlich auf der herausragenden Leistung der vier vorzüglichen Tänzerinnen, die Breiner mit glücklicher Hand einsetzt und von denen die meisten schon in der Gelsenkirchener Uraufführung zu sehen waren. Francesca Berruto stellt als Livia eine glänzende Charakterskizze vor und macht aus der inneren Entwicklung des Mädchens eine mitreißende Studie. Rita Duclos ist als wunderbar entwaffnende, arglose Außenseiterin Clara ebenso fabelhaft wie Alba  Nadal, die als energische Mutter ein virtuoses, psychologisch ausgestaltetes Abbild einer aufstiegswütigen Glucke entwirft, während Sara Zinna als kindliche Sophia ein helle Folie unbeschwerter Leichtigkeit beisteuert. … Emiel Vandenberghe gibt den umworbenen Fabrikantensohn Prince mit Kraft und routinierter Noblesse. José Urrutia als Claras bemühter Vater zeigt engagierte Verve. Und als Arbeiter Mitch bringt Ledian Soto eine deftige Portion männlicher Vitalität ins Spiel. Das Ensemble verdiente den begeisterten Beifall, mit dem das Premierenpublikum dieses gelungene Handlungsballett feierte.“

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