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OPER UND MEDIENKUNST SYMPOSIUM

Das Theater als Labor: Badisches Staatstheater blickt mit Symposium „Oper & Medienkunst“ in die Zukunft

Das Ensemble interagiert auf der Bühne mit live gesteuerten Videos. Das Publikum schwebt mit Virtual-Reality-Brillen mitten ins Geschehen hinein. Ein Opernhaus lässt auf seine Fassade projizieren, was sich in seinem Inneren abspielt, und baut damit die Schwellenangst vor einem Besuch der Aufführungen ab – nur einige Beispiele dafür, wie digitale Medien die Oper bereichern können. Doch auch kritische Stimmen erklingen: Nehmen die neuen Maschinen dem guten alten Theater die Authentizität? Über das komplexe Zusammenspiel zwischen Menschen, Kunst und Technik, die Idee vom Theater als Labor und das Musiktheater der Zukunft diskutierten führende Kunst- und Medienschaffende aus aller Welt am 25. Januar 2020 beim Symposium „Oper & Medienkunst“ in Karlsruhe. Das Badische Staatstheater erreichte mit einem umfassenden Programm aus Impulsvorträgen, transdisziplinär besetzten Panels und spannenden Best-Practice-Präsentationen im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe ein breit gemischtes internationales Publikum von rund 200 Menschen. „Wir haben unsere Blase verlassen und sind in einer neuen Welt angekommen“, resümierte der Generalintendant des Staatstheaters, Peter Spuhler. Er regte an, Forschung und Ausbildung zum Theater der Zukunft in Karlsruhe zu verstärken – die Expertise dafür sei an den entsprechenden Wissenschafts- und Kultureinrichtungen vorhanden.

Karlsruhe ist als erste und einzige UNESCO Creative City of Media Arts in Deutschland prädestiniert für die zukunftsgerichtete Diskussion über Oper und Medienkunst, wie Kulturamtsleiterin Susanne Asche erklärte. Die Operndirektorin des Staatstheaters, Nicole Braunger, erinnerte daran, dass sich die Oper schon immer die neuesten Techniken der jeweiligen Zeit zu eigen gemacht habe, um sich als Kunst weiterzuentwickeln. ZKM-Vorstand Peter Weibel stellte einige eigene Arbeiten vor, in denen er digitale Medien eingesetzt hat, um Bühnenbilder live entstehen zu lassen oder die Zuschauenden ins Geschehen einzubeziehen. So vermittelt seine elektronische Videooper „Der künstliche Wille“ synästhetische Erfahrungen, indem sie die Musik über hüpfende bunte Bälle visualisiert.

Technik erweitert Perspektive des Publikums

In einer inspirierenden Keynote erörterte Kay Voges, Regisseur und Intendant des Schauspiel Dortmund, die Suche des Menschen nach Orientierung vom Blick in die Gestirne über die Musiknotation auf Papier bis hin zur digitalen Kommunikation. Voges, der eine Akademie für Theater und Digitalität initiiert hat, plädierte für neue Formen des Erzählens im Quantenzeitalter: Digitale Techniken könnten der Gleichzeitigkeit des Ungleichen gerecht werden und Dinge begreifbar machen, die sonst abstrakt bleiben würden. Er selbst entdecke in dem auf seiner eigenen Inszenierung basierenden, mit dem Berliner Künstlerkollektiv CyberRäuber realisierten Projekt „The Memories of Borderline“, das immersives Theater und virtuelle Realität verbindet, auch heute noch Dinge, die er nie zuvor gesehen habe.

Am Badischen Staatstheater haben die CyberRäuber die VR-Oper „Virtual Freischütz“ gestaltet, in der die Zuschauenden individuell durch die musikalische Welt reisen können. „Was sich durch VR ändert, ist die Perspektive des Publikums – es geht darum, die Zentralperspektive aufzugeben und das Theater interaktiv zu machen“, erklärte Björn Lengers von CyberRäuber im ersten Panel des Symposiums. Unter der Moderation von Patric Seibert, stellvertretender Operndirektor am Staatstheater, befasste sich das Panel mit den Bedingungen, unter denen das Musiktheater seine Inhalte vermitteln kann. Der Autor und Dramaturg Carl Hegemann verwies auf die „leibliche Kopräsenz“ von Darstellenden und Zuschauenden. Ohne sie funktioniere Theater nicht, daher müsse sie auch beim Einsatz digitaler Medien ihren Stellenwert behalten. Gegen einen rein additiven Einsatz von Bildern, der „im schlechtesten Fall die Qualität eines Opernführers“ habe, sprach sich der Musik- und Theaterwissenschaftler Stephan Mösch aus. Die Bilderwelt müsse die sinnlich evokative Kraft der Partitur spiegeln. Die sinnliche Erfahrung steht für den Regisseur und Videokünstler Manuel Braun, der am Badischen Staatstheater die Neuinszenierung von „Le Prophète“ bebilderte, im Zentrum: „Wenn das passt, ist mir das benutzte Medium egal.“

Vernetzte Arbeit führt zu neuen Lösungen

Das zweite Panel, moderiert von Peter Spuhler, eröffnete internationale Perspektiven und zeigte in Präsentationen und Gesprächsbeiträgen, wie die Oper durch digitale Medien nicht nur künstlerisch profitieren, sondern auch ganz neue Publikumsschichten erreichen kann. So nutzt die Nationaloper Montpellier digitale Techniken auf verschiedenen Ebenen – von virtuellen Führungen über Videospiele zu Opern bis hin zu 360-Grad-Konzerten auf YouTube. Die Finnische Nationaloper in Helsinki schafft mit ihrem Projekt „Opera Beyond“ immersive Erlebnisse; unter anderem mit einer KI-Diva namens „Laila“. In St. Petersburg animierte der Wettbewerb „Digital Gonzaga“ junge Medienkünstler, auf der Basis alter Skizzen neue digitale Performances zu gestalten. Die European Theatre Convention (ETC) initiierte das „European Theatre Lab“, das unter anderem zu von Darstellenden ausgelösten akustischen Effekten und zu automatisch gesteuerten Übertiteln forschte. Das russische Videokunstkollektiv AES+F präsentierte im ZKM PanoramaLabor seine Installation zur Oper „Turandot“, deren Premiere unter der Regie des Mailänders Fabio Cherstich abends im Badischen Staatstheater zu erleben war.

Um Künstliche Intelligenz und Musik ging es im dritten Panel des Symposiums, moderiert von Jan Linders, Programmleiter beim Humboldt Forum in Berlin. Wenn Computer komponieren – werden sie dann zu Künstlern oder zu Partnern des Komponisten oder unterstützen sie diesen nur? Wird die künstlerische und ethische Verantwortung dann an eine Software übertragen? Der Komponist Georg Hajdu mahnte, die Diskussion nicht einzig an der Software aufzuhängen, und betonte die sozialen Aspekte. Vernetzte Arbeit ermögliche neue Lösungen. Diesen Ansatz verfolgt auch das beim Symposium vorgestellte Projekt „De-Linking Sounds“: Auf einer transmedialen und transkulturellen Plattform erforschen das Badische Staatstheater und das Ethnologische Museum Berlin Musik aus verschiedenen Traditionen der Welt und untersuchen koloniale Strukturen im Netz – ein Projekt, das Theater und Museum, Vergangenheit und Zukunft verbindet.

Autorin: Dr. Sibylle Orgeldinger

 

Panelteilnehmer Biografien (deutsch/englisch PDF)
Flyer SYMPOSIUM OPER UND MEDIENKUNST 2020 (PDF)
Flyer Englisch Symposium OPER UND MEDIENKUNST (PDF)

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